London, Anfang März

Nach dem Besuch in Den Haag bleibt für Harold Wilson und George Brown nur noch die letzte Etappe der Europa-Rundreise: Luxemburg. Sie wissen inzwischen, welchen Eintrittspreis die EWG erheben wird. Was sie nicht kennen können, sind die Exträforderungen, die sich de Gaulle für den Fall vorbehält, daß London den normalen Preis zu zahlen bereit ist.

Wilson muß nun seine Rechnung aufmachen. Er hat abzuwägen, ob der noch einmal auflebende Widerstand in der Labour-Fraktion und in einem Teil der englischen Presse etwa so bedeutend ist, daß er dem General in Paris – vor allem nach einem Wahlsieg – als Vorwand ausreicht.

Über die Chancen eines britischen Aufnahmeantrags schweigt sich das amtliche London aus. Der Eindruck nach Wilsons Rundreise ist jedoch der, daß die Gespräche in Paris besser liefen als befürchtet und in Bonn schlechter als erhofft.

Wenn sich nach dem Holland-Besuch nun eine leicht optimistische Stimmung in Downing Street ausbreitet, so ist das weniger ein Resultat direkter Zusagen. Die niederländische Regierung wäre dazu wegen ihrer instabilen Parlamentssituation kaum in der Lage.

Die Labour-Regierung ist überzeugt, daß die überwiegend positive Einstellung der Öffentlichkeit zum Eintritt in die EWG jetzt genutzt werden muß, daß sie sonst wieder abbröckeln würde. Die bisherige außenpolitische Orientierung östlich von Suez hat in Großbritannien inzwischen derart an Boden verloren, daß im Fall eines Scheiterns der Europa-Verhandlungen auch der Rückzug in die Vergangenheit verlegt wäre.

Die in manchen Köpfen spukende neue angelsächsische Allianz samt atlantischer Freihandelszone ist nur eine Seifenblase. Die britische Regierung kann die Bindungen an die USA zwar nicht missen, will sie, aber auch nicht verstärken; der Vietnamkrieg ist unpopulär. Eine Achse London–Washington würde einen höheren Preis erfordern als der EWG-Beitritt. Das stetige Anschwellen der Handelsströme, die nach Europa führen, hinterläßt seine Spuren im englischen Denken.