Die Freiwillige Selbstkontrolle ließ einen englischen Agentenfilm umfunktionieren

Von Ernst Wendt

Der englische Dramatiker Harold Pinter, mit Stücken wie „Hausmeister“ und „Heimkehr“ an vielen deutschen Theatern gespielt, hat das Drehbuch für einen Agentenfilm geschrieben. Eine Gelegenheitsarbeit, die aber immer noch ein gutes Stück über das in diesem Kinogenre übliche Niveau hinausreicht: vor allem im Dialog, lakonischen Maulfaulheiten, Alltagsgesprächen, sorgfältig untertreibenden Verkürzungen und Ironien. Die Engländer haben dafür längst ein. Markenzeichen erfunden. Sie nennen Pinters Dialogmanier: pinterlogue.

Diese Dialoge sind in der deutschen Fassung des Films „The Quiller Memorandum“ (deutscher Titel „Gefahr aus dem Dunkel“) umfunktioniert worden bis zur Unverständlichkeit. Der deutsche Kinobesucher muß der Meinung sein, hier habe einer ein vollkommen verworrenes Drehbuch geschrieben.

Pinter hatte sich für den Agentenfilm zur rechten Zeit das rechte neue Klischee einfallen lassen. Anstelle der sonst in Filmen dieser Art als Gegner fungierenden Kommunisten setzte er Neo-Nazis. Der Film reproduziert damit bestimmte oberflächliche, aber nicht ganz zufällige Vorstellungen und Ängste, die den Leuten im Ausland gelegentlich so kommen mögen. Diese Partei da, von der jetzt immer die Rede ist, irritiert einen durchschnittlichen Engländer im Augenblick vielleicht doch mehr als irgendwelche Kommunisten. Uns mag es abstrus vorkommen, daß einer die Neo-Nazis in Ruinenkellern vermutet: Wir wissen es besser. Aber da wir es besser wissen, sollte man sie uns erst recht nicht vorenthalten.

Die deutsche Fassung enthält jedoch keinen Hinweis mehr darauf, was für eine Organisation da in Berlin am Werke ist und welche politischen Ziele sie wohl haben mag. Der synchronisierte Text redet immer nur von einer Untergrundbewegung oder von einer Spionageorganisation. Da man gewöhnt ist, in Berlin-Filmen immer Kommunisten bei der Unterwanderung oder beim Menschenraub zu beobachten, mag der unbefangene Betrachter schließen, auch diesmal seien’s solche.

Daß der Agent Quiller keine Nazi-Organisation bekämpft, haben wir – so stellt sich heraus – der FSK zu danken, der Freiwilligen Selbstkontrolle der deutschen Filmwirtschaft, die bei uns über sittliches und politisches Wohlverhalten in Filmen wacht. Der deutsche Rank-Verleih war. – nach eigener Aussage – entschlossen, gewisse Milderungen im Dialog vorzunehmen. Aber er wurde aller Überlegungen, wieviel von Pinters Sätzen und welche man „bearbeiten“ solle, durch einen deutlichen Wink der FSK enthoben. Ihre dreizehn Gutachter erklärten, in der vorgelegten Form würden sie den Film niemals. freigeben. Der Verleih, von vornherein resignierend und um seinen geschäftlichen Erfolg besorgt, tat den Wiesbadener Wächtern den Gefallen. Er operierte, wie es ihm nahegelegt wurde: Nazis raus.