Von Joachim Schwelien

Washington, im Februar

Im Vorraum wird der Besucher von einer adretten Luftwaffenhelferin in Empfang genommen, die in ihrer schmucken, ordensgeschmückten Uniform wie ein Mannequin des Krieges am Schreibtisch Wache hält. Behagliche dunkle Ledersofas, ernste Porträts von Generalen und Ministern, gedämpft zuschnappende Türen geben im übrigen dem Allerheiligsten des Pentagons, dem Ministerbüro, eine durchaus unmartialische, fast zivile Atmosphäre. Militärisch wirken nur die Pünktlichkeit, mit der Robert Strange McNamara den Gast empfängt, die Präzision seiner Antworten, die Sicherheit seiner Aussagen.

An diesen Eigenschaften hat sich trotz den mit dem Krieg in Vietnam verdoppelten Belastungen und dem immerwährenden Duell mit dem Kongreß nichts geändert. Der Mann, der als achter in der Reihe der amerikanischen Secretaries of Defense den größten Militärhaushalt, die mächtigsten nuklearen und konventionellen Streitkräfte, das weitestgespannte Netz von Stützpunkten, Garnisonen und Flottenbasen der Geschichte zu verwalten und zu handhaben hat, ist in den über sechs Jahren seiner Tätigkeit als Minister zwar um eine Spur gealtert, sonst aber das geblieben, was er von Beginn an war: die potenzierte Leistungsfähigkeit in einer auch für Amerika seltenen Steigerung.

McNamara gilt als das einflußreichste Kabinettsmitglied unter den beiden Präsidenten John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson. Wie von allein drängt sich als erstes eine Frage an ihn auf, die er nach der Natur der Sache nicht direkt beantworten kann: wie es mit den bereits dementierten Gerüchten von seinem bevorstehenden Rücktritt steht.

Für McNamara ist der zeitweilige Dienst für den Staat eine Aufgabe, die er stets jedem jungen Amerikaner ans Herz gelegt hat; auch sein Übergang von der Ford-Gesellschaft zur Bürokratie in Washington entsprang diesem Ethos, daß ein guter Amerikaner einen gewissen Lebensabschnitt für das Wohl der Allgemeinheit tätig sein solle.

Doch anders als europäische politische Beamte, die diesen „Staatsdienst“ als eine absolute Funktion ihres Daseins betrachten, liegt bei hervorragenden Amerikanern der Ton eben auf dem Zeitweiligen. McNamara hat nach seiner eigenen Auffassung mit den über sechs Jahren im Pentagon dem Staat schon fast mehr gegeben, als statthaft ist. Der Rückzug in eine zivile Tätigkeit – wie die eines Universitätspräsidenten – ist wirklich längst fällig. „Ich sehe es jedoch als meine; Pflicht an, in dieser Zeit solange auf meinem Posten zu bleiben, wie der Präsident das für nötig hält“, bemerkt er.