Die Affäre um die angebliche Verschwörung zur Ermordung Präsident Kennedys, die der Staatsanwalt von New Orleans, Jim Garrison aufgedeckt haben will, wurde vorige Woche noch mysteriöser, als einer der vermeintlichen Zeugen eines plötzlichen Tode: starb. Der 45jährige Charterpilot David W. Ferne wurde in seiner Wohnung tot aufgefunden, kurz nachdem er einem Reporter versichert hatte, er habe nichts mit dem Attentat von Dallas zu tun, und der Staatsanwalt werde sich mit seiner „Hexenjagd“ unsterblich blamieren.

Der Leichenbeschauer konstatierte Gehirnschlag, Garrison hingegen tippte auf Selbstmord, worauf etliche hinterlassene Notizen und eine Menge Pillen neben dem Totenbett hindeuteten. Der Staatsanwalt machte abermals von sich reden (so viel, daß es seinem Rufe schadete) und erhob den Toten flugs zu einer „der wichtigsten Persönlichkeiten der Geschichte“. Die Verhaftung Ferries, behauptete er, sei für diese Woche geplant gewesen.

Ferrie, der einen bewegten Lebenslauf hinter sich hatte – er war unter anderem Lehrer, Psychologe, Privatdetektiv und Sprecher für Anti-Castro-Gruppen –, wurde bereits unmittelbar nach dem Attentat auf Kennedy für ein paar Tage festgenommen, da er verdächtig war, mit seinem Flugzeug einige Verschwörer in Sicherheit gebracht zu haben. Auf seinen Wunsch wurde er vom FBI verhört, der jedoch keinen Makel in ihm fand und ihn auf freien Fuß setzte.

Zwar war Ferrie am Mordtag in Texas gewesen, aber nicht in Dallas; sein Flugzeug soll an jenem Tag nicht startklar gewesen sein. Da ein Teil der Vernehmungsakten vom FBI nicht freigegeben wurde,-wollen die Verdächtigungen gegen Ferrie, durch Garrison eifrig geschürt, nicht enden.

Kaum war Ferrie tot, da stellte sich der junge Privatdetektiv David Lewis unter Polizeischutz, da er um sein Leben fürchtet. Lewis will Garrison die Namen von fünf Verschwörern genannt haben.

Aus Florida kam unterdessen die Nachricht, daß die Leiche des Malers Thomas Killam exhumiert werden soll, der mit einem Nachbarn des mutmaßlichen Kennedy-Mörders Lee Oswald zusammen war und dessen Frau fünfzehn Jahre beim Nachtklubbesitzer Jack Ruby, dem Mörder Oswalds, gearbeitet haben soll. Killam fühlte sich in den Wochen nach dem Attentat von Agenten verfolgt und starb Anfang 1964 unter ungeklärten Umständen beim Sturz durch eine Schaufensterscheibe.

Penn Jones, ein Redakteur des „Midlothian Mirror“ in Texas, hat eine Liste von 21 Personen zusammengestellt, die alle, zumeist als Zeugen, mit den Ereignissen in Dallas in Berührung kamen und fast sämtlich eines außergewöhnlichen Todes starben. Nur zwei davon wurden älter als 60. Sechs wurden erschossen, drei kamen mit dem Auto ums Leben, eine Person wurde erhängt, eine starb an einem Karateschlag, einer wurde die Kehle durchschnitten, eine mit Arsen vergiftet, eine durch Faustschlag getötet.

Staatsanwalt Garrison kündigt unentwegt Verhaftungen an, die jedoch erst nach Monaten oder Jahren, vielleicht sogar nach 30 Jahren, zu erwarten seien. Geschäftsleute in New Orleans haben ihm zuliebe einen Fonds („Wahrheit und Konsequenzen“) gegründet, der die Ermittlungen mit bis zu 200 000 Mark monatlich finanzieren will. Eines jedenfalls hat der unternehmungslustige Staatsanwalt (sein Lieblingswunsch: Senator im US-Kongreß) schon erreicht: Er wurde weltbekannt.