Als Haaken Ingolf Romnes vor vierzig Jahren seinen ersten Job bei der American Telephon and Telegraph Company (ATT) annahm, bezahlte man ihm 15 Dollar pro Woche und eine Zulage für Verpflegung und Logis, an deren genaue Höhe er sich nicht mehr erinnert. Am 1. Februar dieses Jahres wurde er – immer noch bei ATT – in sein neues Amt eingeführt, das höchste, das die Firma zu vergeben hat: Aufsichtsratsvorsitzender und Generaldirektor. Seit langem schon nennen seine Mitarbeiter ihn (hinter seinem Rücken) den „milden Wikinger“ – ein Spitzname, der ihn trefflich kennzeichnet.

„Hi“ (ausgesprochen „Hei“) Romnes, der diese Form der Anrede seinem Vornamen vorzieht, ist in der Tat ein Nachfahre der alten norwegischen Wikinger. Seine Eltern wanderten um die Jahrhundertwende aus Norwegen nach dem „skandinavischen Teil der USA“ aus – nach dem Bundesstaat Wisconsin, wo er in Stoughton vor fast genau sechzig Jahren zur Welt kam. Der „milde“ Teil seines Spitznamens könnte an sich fast allen hohen Beamten der ATT verliehen werden. Sie alle sind, wie Romnes, in einem Betrieb aufgewachsen, dessen erzkonservative Politik keine übereilten grundsätzlichen Entscheidungen eines einzelnen Mannes kennt, bei dem gründliche Beratung und Diskussion noch groß geschrieben werden und der sich praktisch Tag für Tag das Vertrauen seiner über drei Millionen Aktieninhaber neu verdienen muß. Dieser Geist – man möchte sagen altmodischer Korrektheit – durchdringt ATT vom obersten Beamten bis zum letzten Telephonreparaturarbeiter. Jeder weiß, daß die Bell-Company-Tochtergesellschaften der ATT, die 80 Prozent des Telephondienstes der USA versehen, ihre Arbeiten genau zur vereinbarten Stunde durch „Gentlemen“ ausführen lassen, die das allerletzte Stäubchen beseitigen, bevor sie weggehen, die trainiert sind, rücksichtsvoll und diplomatisch zu sein. Der junge Romnes lernte dies, wie jeder andere, als er in den Universitätsferien 1927 bei. der Wisconsin Telephon Company als Telephoneinrichter und Mitglied einer Konstruktionsgruppe eintrat. Wenige Monate später bestand er sein Universitätsexamen als Elektroingenieur und seine Karriere begann.

„Hi“ Romnes hat sich nie eine andere Karriere gewünscht, als die eines Elektroingenieurs bei einer Firma, die ihm die Möglichkeit zur Weiterentwicklung gab. Er ist Besitzer von Patenten, die sich meist auf das Fernsprechwesen beziehen. Ohne ihn wäre die vor Jahren eingeführte Selbstwahl für Ferngespräche in den USA und Kanada kaum so schnell und reibungslos möglich gewesen; Ferngespräche wohlgemerkt, die innerhalb der Vereinigten Staaten nicht nur über einige hundert Kilometer reichen, sondern bis zu rund 5000 Kilometer. Selbst auf dem Präsidentenstuhl der ATT, von dem er jetzt nach zwei Jahren zum Gipfel aufrückte, ließ er es sich trotz aller Arbeitsüberlastung nicht nehmen, sich über technische Fortschritte zu unterrichten und oft genug mit Rat und Tat einzugreifen.

Auch ATT, mit 800 000 Beschäftigten ein Gigant selbst bei amerikanischen Größenordnungen, hat Sorgen. Die größte Sorge, die ihm sein aus Altersgründen pensionierter Vorgänger, Frederic R. Kappel, zurückließ, ist die im vergangenen Jahr von einer Bundeskommission eingeleitete Untersuchung über die Höhe der Telephongebühren und über die Finanzierung der Firma. ATT verdiente im Jahr 1965 mehr als 1,7 Milliarden Dollar; neue Entwicklungen und Investitionen, die finanziert werden müssen, kosten die Firma jährlich über 4 Milliarden. Gestritten mit der Kommission wird unter anderem über die Höhe des Verdienstes. ATT hält einen Gewinn von 8 Prozent für angemessen. 1966 betrug er 7,9, im Jahr davor 7,6 Prozent. Erst wenn 8 Prozent überschritten würden, könne man über Gebührenkürzungen reden. Die Kommission hält diesen Satz für übertrieben. Der neue ATT-Chef beabsichtigt nicht, den bisherigen Standpunkt seines Unternehmens gegenüber Washington zu ändern. Er findet sich auch damit ab, daß seine Firma als privater Träger eines öffentlichen Dienstes von der Behörde überwacht wird. „Ich will nicht den Eindruck erwecken, als ob wir Angst vor einer ‚schlechten‘ Entscheidung der Kommission hätten“, sagte er kürzlich. „Ich glaube aber, die Frage der Finanzierung sollte unseren eigenen Erwägungen überlassen bleiben.“

Andererseits meinte Romnes, man müsse auch für die andere Seite, für die auf Gebührenreduzierung drängenden Politiker und Beamten, Verständnis haben. „Wenn wir im Wirtschaftsleben von den Bürokraten sagen können, daß diese noch nie einen wöchentlichen Scheck für die Belegschaft bereitstellen mußten, kann man mit gleicher Berechtigung auch sagen, daß wir noch nie einen Wahlbezirk erobern mußten.“

Er ist sich darüber klar, daß eines der Ergebnisse der fortschreitenden Automatisierung der Telephonsysteme der Verlust des Kontaktes mit der Öffentlichkeit sein muß. „Natürlich mußten wir automatisieren“, stellte er fest. „Aber das Amt, die Beamtin, die früher antwortete, ist nicht mehr da und das beunruhigt mich.“ Dieser persönliche Kontakt müsse irgendwie wiederhergestellt werden, und das sei ein Problem, dessen Lösung noch nicht gefunden wurde. Für eine rasche Lösung des Problems sprechen auch andere Gründe. ATT hat an der Börse einige Rückschläge erlitten, obwohl sie bei der großen Masse ihrer drei Millionen Aktionäre – und weitgehend anderwärts – immer noch als „blue chip“ gilt, das heißt, als erstklassiges Anlagepapier.

Dennoch lassen sich die Schwierigkeiten nicht übersehen. Romnes gab zu, daß der auf 7,9 Prozent gestiegene Verdienst nicht ganz echt sei, da er zum Teil auf die Zurückstellung von Kapitalausgaben im Jahr 1966 zurückzuführen sei, die im Rahmen des Anti-Inflations-Programmes der Regierung erfolgten. Dies wiederum werde zur Folge haben, daß die Kapitalausgaben in diesem Jahr über die üblichen jährlichen 4 Milliarden Dollar hinaus gesteigert werden müßten, so daß im nächsten Jahr die Gefahr eines Absinkens der Verdienste bestehe.