So hoffnungsvoll auch Bundeswirtschaftsminister Professor Schiller die wirtschaftliche Zukunft der Bundesrepublik zeichnet, die Anleger lassen sich nicht aus ihrer Zurückhaltung herausbringen. Mit Gesundbeten ist es ebensowenig getan, so sagen sie, wie mit einem Eventualhaushalt, der mit relativ kurzfristigem Geld finanziert wird. „Wir sind erst dann über den Berg, wenn die Rentabilität der Unternehmen wieder besser geworden ist!“ So erläutern angesehene Bankiers ihren Kunden die Lage an der Börse. Mit diesem Argument erklären sie auch, warum von der jüngsten Diskont- und Mindestreservensenkung kein neuer Kursauftrieb mehr ausging.

Selbst bei den festverzinslichen Papieren ist die schwungvolle Aufwärtsbewegung allmählich erlahmt. Die Zinssenkung macht nur noch langsame Fortschritte. Allmählich rundet sich das Bild über die künftige Beanspruchung des Rentenmarktes durch die öffentliche Hand, die Milliardenbeträge zur Konsolidierung ihrer Haushalte braucht. Allein das Land Nordrhein-Westfalen beziffert seinen Kapitalbedarf auf zwei Milliarden Mark. Unter diesen Umständen kann die von der Bundesregierung gewünschte Zinssenkung nur langsame Fortschritte machen. Die Anleger brauchen also keine überstürzten Beschlüsse zu fassen. Der Siebenprozenter, von dem man sich noch in diesem Monat zu verabschieden hoffte, wird uns noch einige Monate länger erhalten bleiben ...

Die Aktienkurse haben sich in den letzten Wochen nicht mehr nennenswert verändert. Es sind zwar noch Millionenbeträge vorhanden, die für die Anlage in Aktien bestimmt sind, aber zur Zeit sieht niemand einen Grund, sie vorschnell einzusetzen. Die deutschen Investment-Fonds kaufen „gezielt“ (oder selektiv – wie man neuerdings sagt) und nur dann, wenn die Kurse etwas nach unten abgleiten. Der Berufshandel ist dabei, sich durch Verkäufe wieder flüssige Mittel zu beschaffen, und die Bankenkundschaft erfreut sich der seit Jahresbeginn erzielten Kursgewinne. Sie wartet vorläufig ab.

Kein Wunder, wenn das Börsengeschäft ziemlich einseitig geworden ist. Viele Tage kreiste es fast ausschließlich um die Aktien der Gelsenkirchener Bergwerks-Gesellschaft (GBAG), die spekulativ zur Zeit am meisten hergeben. An der Börse ist man der Meinung, daß sich die GBAG eines Tages an ein größeres Unternehmen anlehnen muß, wobei der Dresdner Bank als Schachtelaktionär eine gewisse Schlüsselstellung zufällt. Da die Beteiligten selbst schweigen, können die Gerüchte um so besser gedeihen.

In der Vorwoche wollte man wissen, daß bereits Übernahmepläne eines amerikanischen Ölkonzerns in den Bonner Ministerien vorliegen, zu denen nur noch der amtliche Segen gebraucht wird. In Bonn wußte man indessen von nichts. Dann wurde Wintershall als Interessent ins Spiel gebracht, ein Unternehmen, das durch den Verkauf der Anteile an der Gewerkschaft Elwerath über beträchtliche flüssige Mittel verfügen müßte. Ein paar Tage später war es dann die Veba, die beabsichtigen soll, sich die GBAG-Mehrheit einzuverleiben, ohne daß jedoch jemand zu sagen vermochte, woher die Veba die Millionen nehmen sollte.

Immerhin wurden die Veba-Aktionäre Nutznießer dieser Gerüchte, denn der Veba-Kurs überstieg endlich die 200-Prozent-Grenze. Bei 200 Prozent hatten zahlreiche „Volksaktionäre“ Abschied von ihren Papieren genommen, die ihnen bis dahin keine Freude, aber dafür 10 Mark Kursverlust je Aktie eingetragen hatten. Wer über mehr Geduld verfügt, wird aller Voraussicht besser fahren. Immerhin zahlt die Veba ein? Dividende von 11 Prozent, und die Anstrengungen, die unternommen werden, um aus der Veba einen straff geführten Konzern zu machen, lassen in späteren Jahren noch auf mehr hoffen.

Wenn die Aufwärtsbewegung des Veba-Kurses neuerdings durch den Verkauf größerer Posten gehemmt wird, so handelt es sich bei dem zur Verfügung gestellten Material nicht um solche Aktien, die im Zuge der „offiziellen“ Kurspflege aufgenommen worden sind. Über ihre Zukunft ist augenscheinlich noch nicht entschieden. Die Veba-Aktien, die jetzt an die Börse gelangen, sind zu den Tiefstkursen des vergangenen Jahres erworben worden, von vornherein mit der Absicht, sie bei sich bietender Gelegenheit mit Gewinn wieder abzustoßen. Und diese ist jetzt gekommen. Die „Spekulanten“ wollen nicht warten, bis der Veba-Kurs die Hürde von 210 Prozent (Zeichnungskurs) überspringt, denn dann rechnen sie mit einer neuen Verkaufswelle der Volksaktionäre. K. W.