Von Gerhard Grumme

Den Besuchern der letzten Jahre fielen die traurigen Augen in dem schmalen Gesicht auf. Noch immer wußte er freilich seine Gesprächspartner zu bezaubern durch seinen sprühenden Geist, durch das schnelle Spiel von Einfällen und glanzvollen Formulierungen, durch seinen Schatz an Wissen und Bildung – und wohl auch ein wenig durch die Cocktails, die er meisterlich zu mischen verstand. Manche fanden ihn hochmütig im Gespräch, langweilig fand ihn niemand. Aber über seiner nervösen Geistigkeit lag Schwermut – auch schon vor seiner Verfemung.

Er sah sich in einer Welt gefangen, die er mitgeschaffen hatte und die ihm unheimlich geworden war. Er bereute nicht, aber ihn quälten die Gedanken an das, was er ausgelöst hatte. Er war nicht ohne Tatkraft, aber er hatte ein empfindliches Gewissen.

Acht Sprachen beherrschte er, er las die verwickeltsten physikalischen Formeln ebenso mühelos wie die altindischen Gesänge, die Vorsokratiker und die großen Dichter der Neuzeit. Zu seinen Lieblingsgestalten gehörte Hamlet. Und etwas von Hamlet war in ihm, dem Zauderer aus edler Hemmung, aus Furcht, die Welt könne endgültig aus den Fugen reißen. Er war kein Held und kein Märtyrer, sondern ein Mensch, der glücklich sein wollte im großen Rausch des Forschens, der dann sich verstrickt sah in schwere Kämpfe, der mit anderen und mit sich selber rang, der dabei Siege erfocht und Niederlagen erlitt. Schwächen und Irrtümer waren ihm nicht fremd.

Dem Sohn eines deutsch-jüdischen Einwanderers flogen auf der Schule – anders als dem mäßigen Schüler Einstein – die Kenntnisse zu; in Göttingen holte er sich mit 23 Jahren bei Max Born den Doktorhut. Seine Begabung war so umfassend wie seine Bildung, und doch, wie bei vielen genialen Naturen, ganz einseitig. Der junge Oppenheimer wollte nur seinen Büchern und seinen Laboratorien leben, Zeitungen, Rundfunk, Politik verachtet er. Von dem großen Krach, der an dem schwarzen Börsenfreitag 1929 das große Beben über der ganzen Erde auslöste, erfuhr er erst Monate später. Ihm aber, diesem weltfremden Gelehrten, widerfuhr es. die Welt mehr zu erschüttern als ganze Generationen von Gelehrten es zuvor vermocht hatten.

Auch die Nachrichten von der Auslieferung Deutschlands an den Nationalsozialismus erreichten ihn nicht sogleich. Aber als er sie endlich bewußt aufnahm, verwundeten sie ihn tief und trieben ihn zur Tat, den Greueln ein Ende zu setzen.

War es deshalb, daß er 1945 die ihm angetragene Aufgabe übernahm, in Los Alamos das Laboratorium zu leiten, in dem nach dem Willen der amerikanischen Regierung die Atombombe hergestellt werden sollte? War es nur die Furcht, Hitler könne das mörderische Werk noch vor den Amerikanern vollenden, die ihn und seine Mitarbeiter zu unermüdlicher und zäher Experimentierarbeit und zur Eile drängte? Oder war es auch die uralte Leidenschaft des Gelehrten zu entdecken, zu probieren, dem Felde der unbekannten Wissenschaft ihre Geheimnisse abzuringen, die Oppenheimer nach Los Alamos führte?