Die vielen Reisen Henri Michaux’ in eine andere Wirklichkeit dienen der Erkundung des Möglichen. Nachdem den Wissenschaften unermeßliche Vorstöße in bisher nicht erforschte Wirklichkeiten gelungen sind, Vorstöße aber, die immer in der Mechanisierung erstarrten und der Menschheit das Korsett der gesellschaftlichen Reglementierung und der technischen Perfektion bescherten, fand die Dichtung ihre Aufgabe darin, die Möglichkeiten der menschlichen Wahrnehmung zu erweitern und bis an die äußersten Grenzen auszutasten: „Unermeßliche, monotone Wissenschaft. Festgeschnürt an die kleinen Götter .. Einseitig und immer eingesperrt von der Perfektion ... Eines Tages, mit zwanzig Jahren, kam ihm eine plötzliche Erleuchtung. Er machte sich endlich ein Bild von seinem Gegen-Leben und kam auf den Einfall, daß man einmal das andere Ende probieren müsse. Die Erde näher kennenzulernen und vom Unbedeutenden Abschied zu nehmen. Er ging fort.“

Henri Michaux ging tatsächlich fort. Als Matrose bereiste er Nord- und Südamerika, Afrika, China und Indien. Doch von diesen Reisen gibt es nur wenige Beschreibungen, so die von Ecuador, die in den vorliegenden Band aufgenommen wurde. Die anderen waren Reisen in phantastische Länder: „Reise in Großgarabannien“, „Im Lande der Magie“.

In diesen Reisebeschreibungen, die übrigens mit der Präzision von Naturforschern Phantastisches registrieren, manifestiert sich, wie im Werk Kafkas, die Entfremdung zur Umwelt durch die Erfindung des Befremdenden, die Erfindung eigenartiger Völker mit ihren absurden Sitten und Bräuchen, eine magische Pflanzen- und eine skurrile Tierwelt.

Jorge Luis Borges, der in seinen Dichtungen einige den Surrealisten verwandte Intentionen verrät, hat ein „Handbuch der phantastischen Zoologie“ herausgegeben, worin er aus alten Büchern und Dichtungen einen „zoologischen Garten der Mythologie“ gesammelt hat. Es handelt sich bei diesen Monstren um eine vielfältige Kombination von Elementen wirklicher Wesen. Hieronymus Bosch, dessen Bilder auf die Surrealisten so eindringlich gewirkt haben, war einer ihrer größten Schöpfer und Erfinder. Henri Michaux’ Phantasietiere erscheinen in einer ähnlichen Phantasmagorie wie in Boschs „Versuchung des heiligen Antonius“, nur daß Michaux den Dichter in ganz anderer Weise in die Erscheinungen einbezieht und den eigenwilligen Schöpfungsprozeß des Fieberrausches betont, der, wie er meint, den der Natur weit in den Schatten stelle.

Die äußere Wirklichkeit ist für Michaux immer nur Stimulans für seine Phantasie. Sie gibt den Zufall, der Ungeheuer gebiert. Der Maler Max Ernst legte Papier auf den Boden, fuhr mit einem Stift darüber, um sich durch die eigenartigen Linien des Fußbodens animieren zu lassen; Leonardo empfahl, Mauern und ihre Zufallsstruktur aufmerksam zu betrachten. Henri Michaux ließ sich von Klecksen und Flecken zu seinen „Portraits“ animieren, imaginären Portraits: Das erste, was der Mensch in einer formlosen Form assoziiert, ist das Gesicht. „Wenn ich anfange, Farbe über die Leinwand zu verbreiten, dann kommt für gewöhnlich ein ungeheuerlicher Kopf zum Vorschein ... Manchmal von hauchdünnen Stielen getragen, die nie ein Körper gewesen sind; sich von Eigenem nährend, nein, eher von meinem unermeßlichen Kummer.“

Phantasiegestalten, Phantasietiere, Phantasieköpfe das alles entwickelt sich, wenn man die Gesamtheit der Michauxschen Dichtungen betrachtet, zu einer ans Ungeheuerliche rührenden Gegenwelt, die ihre Evidenz in dem von der technisch-industriellen Gesellschaft Unterdrückten, an den Rand Gedrängten hat, das nun eigenmächtig sich entfaltet, aber doch im Negativ sich der Phänomene unserer Umwelt bemächtigt.

Wenn etwa Henri Michaux’ „Monsieur Plume“ sich durch eine teils märchenhafte, teils absurde Umwelt bewegt und mit ihr die überraschendsten Abenteuer hat, so zeichnet sich darin eine überraschende Begegnung mit unserer absurd gewordenen Wirklichkeit ab, die nur für den nicht überraschend und absurd ist, der ihre Mechanismen gewohnheitsmäßig übernimmt. Michaux sprengt diese Gewohnheit, die den Blick trübt, indem er ungewöhnliche Verhältnisse erfindet, die jedoch nicht ungewöhnlicher sind als unsere gewöhnlichen. Diese Entstellung der Realität stellt sie fest. Des gleichen Verfahrens bediente sich Eugene Ionesco in seinen Stücken, wenn er etwa eine Massensuggestion schildert, indem er eine ganze Stadt sich freiwillig in Nashörner verwandeln läßt.