Die Liturgiereform ist in den Niederlanden nicht steckengeblieben

Von Heinz Josef Herbort

Odijk, zwölf Kilometer südöstlich von Utrecht. Freitagabend. Ein Reihenhaus am Rande des gut 3000 Einwohner, zählenden Dorfes. Um einen langen Tisch, der diagonal ins Wohnzimmer gestellt ist, sitzen dreißig Personen, Holländer meist, aber auch Belgier, Franzosen, ein Deutscher, der in Utrecht studiert, eine Amerikanerin – Katholiken und Protestanten. Der Tisch ist gedeckt für eine Abendmahlzeit, Porzellan, Besteck, man wird später eine Minestra essen. Karaffen mit Rotwein. In flachen Körben Weißbrot, lange Brote nach Art der französischen baguettes. Dazu neben jedem Teller ein kleines Heftchen: ein „Oekumenisch Liedboek“ mit dem Untertitel „Zolang er mensen zijn“.

Mijnheer Rob Steinbuch, ein Techniker aus Utrecht, etwa 35 Jahre alt und für diesen Abend „Tafelpraeses“ – vierzehn Tage später fungiert dort ein Physiker – sagt ein paar Grußworte, vor allem an diejenigen, die heute zum erstenmal teilnehmen, acht junge Leute, die mit ihrem Pastor aus Nordholland gekommen sind. Er spricht dann über Tagesfragen, über Vietnam, den Rassenhaß in Rhodesien und Amerika, über den Ost-West-Konflikt, über die Sorge von 1,2 Millionen Alten, und daß uns das alles auch etwas angeht.

Die Tischrunde singt ein Lied, das von Ungewißheit und Existenzangst handelt. Jemand liest einen Text des Franziskus von Assisi: „Herr, mach uns zum Werkzeug deines Friedens“, die anderen fallen ein: Schuldbekenntnis. Eine Lesung, Isaias, ein paar Worte dazu, ein Lied, ein Kapitel aus Dag Hammarskjölds Tagebuch, dann bringt jemand die Suppe.

Mijnheer Steinbuch nimmt eines der Weißbrote, spricht über die Notwendigkeit des Brotes für die Erhaltung der menschlichen Arbeitskraft, baut eine gedankliche Brücke zur Erzählung vom Abendmahl, vom Brotbrechen und Austeilen. Dann bricht auch er sein Brot, reicht seinem Nachbarn ein Stück. Der nimmt den Rest, bricht wieder etwas ab, gibt es dem Nächsten, der verfährt ebenso, das Brot geht reihum.

Aus der Karaffe gießt man einander Wein ins Glas. Mijnheer Steinbuch erzählt 1 Korinther 10 frei nach: Ist nicht das Brot, das wir brechen, die Gemeinschaft mit dem Leibe Christi? Dann nimmt er sein Weinglas, toastet den anderen zu: „Sjaloom“ (Friede, Gerechtigkeit), die übrigen folgen, man ißt das Brot, trinkt seinen Wein. Anschließend greift man zur Suppe, Unterhaltung.