Von Uwe Nettelbeck

Ich bin davon überzeugt, daß Ursula Kablau am 5. Januar 1965 ihre Tochter Beate allein und ohne Wissen ihres Mannes heimtückisch ermordet hat. Ich beantrage deshalb, die Angeklagte zu lebenslangem Zuchthaus zu verurteilen und ihr die bürgerlichen Ehrenrechte auf Lebenszeit abzuerkennen.

Staatsanwalt Erwin Gellenbeck

An ihre zweite Ehe hat sich Ursula Kablau geklammert bis zuletzt, wider alle Vernunft; denn die Fähigkeit, vernünftig zu handeln, war ihr nicht gegeben. Sie zog zu Walter Kablau in die Einzimmerwohnung in der Großen Friedberger Straße in Frankfurt, weil sie glaubte, daß sich das Durcheinander in ihrem Leben, das sie nicht mehr ertrug, auf diese Weise von allein regeln würde. Noch einmal vertraute sie blind einem Mann, noch einmal erlag sie der Vorstellung, daß eine Ehe, ganz gleich mit wem, ihr aus allem heraushelfen müsse. Sie wollte wieder in feste Hände kommen, weil sie sich schon davon eine entscheidende Besserung ihrer Lage versprach. Sie war leicht zufriedenzustellen, und wenn sie ihres Lebens in der Großen Friedberger Straße auch nie richtig froh wurde, gab es doch genug, woran sie glaubte, sich halten zu können.

Da waren die Nachbarn, die freundlich zu ihr waren. Da waren die Arbeitskollegen des Mannes, die sie anerkannten, für die sie, während ihr Mann, der Hausmeister, noch im Bett lag, seine Arbeit tat und die Tore aufschloß, auch nachts, wenn Lastwagen mit Glasplatten in den Hof gefahren werden mußten. Da war, wenigstens nach außen und an der Oberfläche, etwas, das Ursula Kablau bisher so vermißt hatte: eine feste Bleibe, ein leidliches Auskommen, sogar die Aussicht auf eine kleine Neubauwohnung mit mehr als einem Zimmer, wenn die Firma nach Bergen-Enkheim umziehen und sie und ihren Mann mitnehmen würde; eine Familie und Bekannte, die sie besuchten und die sie besuchen konnte; Leute, die sie auf der Straße grüßten; und wenn sie einkaufen ging, konnte sie bezahlen. Das wollte sie nicht verlieren, wahrscheinlich um keinen Preis.

Ihre Ehe mit Walter Kablau kann nur sie noch schildern. Die Nachbarn sahen und hörten nichts, und in den Briefen Ursula Kablaus an ihre Mutter in Finowfurt steht begreiflicherweise nur, daß alles gut sei. Weil endlich alles gut sein sollte. Was sie hätte warnen müssen, schon in den ersten Monaten ihrer Bekanntschaft mit Walter Kablau, schon vor der Hochzeit, nahm sie hin, weil sie glaubte, daß es sich lohne.

Walter Kablau befahl ihr, die Arbeit im Krankenhaus aufzugeben und in die Fabrik zu gehen, um mehr zu verdienen. Da putzte sie von morgens um fünf bis mittags um zwölf in einer Tachometerfabrik und verdiente hundert Mark in der Woche. Das war ihm noch nicht genug. Er habe sie auf den Strich schicken wollen, sagt Ursula Kablau. Da sei sie sehr erschrocken. Da habe sie sich gewehrt. Da habe sie weglaufen wollen, zurück zu ihrer Mutter. Und sie versuchte es auch, dieses eine Mal noch. Aber sie kam nur bis Eisenach.