Heinz-Günter Kemmer: „Brenners falsche Töne“, ZEIT Nr. 7

Die falschen Töne sehen wir begreiflicherweise nicht bei Brenner, sondern woanders, unter anderem auch in Herrn Kemmers Kommentar. Es stimmt nicht, daß die Gewerkschaft eine Erhöhung der Löhne und Gehälter um fünf Prozent gefördert hat. Diese Erhöhung hat zwar die große Tarifkommission dem Vorstand empfohlen, aber der Vorstand hat darüber noch nicht entschieden, sondern nur eine Kündigung des Tarifvertrages ausgesprochen.

Unrichtig ist auch die Behauptung, daß die scheinbar harmlosen Nebenforderungen eine Belastung um rund fünf Prozent bedeutet hätten. Dies ist ein bloßes Nachplappern der Rechnung der Arbeitgeber. Wenn man selbst den Rechenschieber zur Hand nimmt, kommt man zu einer tariflichen Belastung von zirka 3,5 Prozent und einer effektiven Belastung, die noch weitaus niedriger ist. Genau an diesem Beispiel der ursprünglichen Forderungen sieht man nämlich, daß es der IG Metall keineswegs um eine Belastung der Betriebe, sondern um eine Sicherung der Verdienste geht.

Die Forderung nach einer tariflichen Garantie von 80 Prozent eines 13. Monatseinkommens geht unter anderem davon aus, daß die größere Zahl der Betriebe in der Eisen- und Stahlindustrie Nordrhein-Westfalens bereits mehr als die tariflich festgelegten 50 Prozent eines 13. Monatseinkommens zahlt.

Die Erhöhung der Angestelltengehälter sollte, ausdrücklich die Betriebe nicht mit Gehaltskosten belasten, sondern die Tarifgehälter der Stahlindustrie an die der Metallindustrie angleichen, die um neun Prozent höher liegen; das heißt eine Gehaltserhöhung, die sich effektiv nicht niederschlägt, aber den tatsächlichen Verdienst besser absichert. Und auch bei der Forderung nach der Nichtanrechnung der arbeitsfreien Werktage auf den Urlaub hätte man sich einigen können. Erst das glatte Nein der Arbeitgeber, das sich hinter dem geringfügigen Gegenangebot verbarg, hat die IG Metall zur Kündigung gezwungen.

Wenn die IG Metall auch im Einverständnis mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund die Festsetzung und Verbindlicherklärung von Lohnleitlinien ablehnt, so hat sie doch immer wieder die wirtschaftliche Situation bei ihren tarifpolitischen Aktionen beachtet. Im Nachhinein, also nach der Tarifbewegung, wurde ihr das auch zugestanden.

Dr. Werner Thönnessen, Industriegewerkschaft Metall f. d. Bundesrepublik Deutschland, Vorstand, Frankfurt