Von Marianne Kesting

Der literarische Surrealismus hat in Deutschland nie so recht eine Heimat gefunden – zumindest haben sich seine Vertreter nie wie in Frankreich zu Gruppen zusammengeschlossen, die mit Programmen und Manifesten vor die Öffentlichkeit traten.

Nicht zuletzt wird das damit zusammenhängen, daß in Frankreich der Boden durch Lautréamont und Baudelaire zu einer radikaleren ästhetischen Revolution bereitet war. Ihre Nachfolger empfanden es nicht mehr als ihre Aufgabe, den banal gewordenen Alltag literarisch zu überstilisieren; sie errichteten, als bewußte Gegenwelt, das Reich der dichterischen Imagination – und zwar unter dem Aspekt einer „Revolte gegen die Trivialität“, die schon mit Baudelaire und seiner Proklamation des Dandyismus begonnen hatte.

„Revolte gegen die Trivialität“, das bedeutete eine bewußte gesellschaftliche Aggression, die sich nicht etwa, wie oft behauptet wurde, gegen eine spezielle Gesellschaftsschicht richtete, nämlich das Bürgertum, sondern gegen die ganze technischindustrielle Gesellschaft. Von dieser leidenschaftlichen Abwehr bezog die surrealistische Dichtung ihren Elan, ihre Radikalität, ihre Kühnheit, aber auch ihre „Realitätsebene“. Denn jene Realität, von der sich die Dichtung bewußt distanzierte, blieb, als Negativ, immer in ihr enthalten. So war der Surrealismus keineswegs eine Flucht in Innerlichkeit oder Ästhetizismus.

Es hat von Anfang an nicht an Versuchen gefehlt, den Bereich der Imagination auch zu einer totalen Gegenwelt auszubauen. Von hier aus muß man verstehen, weshalb Baudelaire und Henri Michaux nach Drogen griffen; sie taten es, um den Bereich der menschlichen Erfahrungen und des menschlichen Bewußtseins auszudehnen und „künstliche Paradiese“ zu schaffen, die doch den realen Schrecken der Außenwelt enthielten und auf sie wiederum schockartig einwirkten.

Diese Voraussetzungen wird sich klarmachen müssen, wer sich in

Henri Michaux: „Dichtungen, Schriften I“, aus dem Französischen von Kurt Leonhard und Paul Celan; S. Fischer Verlag, Frankfurt; 548 S., 40,– DM