Frankfurt am Main

Die in Frankfurt erscheinende Schülerzeitung „bienenkorb-gazette“ – eine Gemeinschaftsproduktion der Bettinaschule und des Liebig-Gymnasiums – wurde schon mehrfach prämiiert. Trotzdem machen sich heute die Schüler-Redakteure Sorgen, ob die nächste Ausgabe noch vor den Osterferien erscheinen kann. Wie fast überall in der Zeitungsbranche, so geht auch bei „bienenkorb-gazette“ das Anzeigengeschäft zurück. Doch rechnen die Verantwortlichen, Christa Appel, 16 Jahre alt und Zlilla Drory, 17 Jahre alt, für die nächste Ausgabe mit einem Verkaufserfolg. Während von der normalen Auflage von 2500 Stück bisher so manches Exemplar liegenblieb oder verschenkt wurde, wird vermutlich die Nummer 1/67 zu Schwarzhandelspreisen gehandelt werden. Denn dafür sorgte die „Bild“-Zeitung, die am 22. Februar dem Millionenheer ihrer Leser eine Geschichte mit der fetten Überschrift anbot: „13jährige Mädchen mußten Sex-Fragen beantworten“.

Unter dieser Schlagzeile hatte „Bild“ nämlich über eine Fragebogenaktion der „bienenkorbgazette“ berichtet, die wissen wollte, wie man in den Klassen der Bettinaschule und des Liebig-Gymnasiums über Sexualfragen denkt. Nach bewährter „Bild“-Manier war nicht versäumt worden, die Sex-Masche mit „Eltern sind empört über die Schulleitung“ zu garnieren: „Die Schule hat sogar eine Ärztin engagiert, von der die Schülerinnen in kleinen Zirkeln beraten und aufgeklärt werden. Sex-Aufklärung – ja – aber keine Sexualforschung. Unsere Kinder sind keine Versuchskaninchen!“

Doch die „Bild“-Zeitung war mit dieser Geschichte nicht als erste auf dem Markt. Mit vierundzwanzig Stunden Vorsprung hatte sich bereits die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ in ihrem Lokalteil in großer Aufmachung erregt: „Wünscht du dir Intimverkehr – Frage an dreizehnjährige Schülerinnen – Mit Genehmigung der Direktorin.“ Nach einer Ouvertüre über die Notwendigkeit einer sinnvollen Sexualaufklärung ereiferte sich das Blatt: „Eine Kluft trennt den Versuch von Amateuren, das Intimleben dreizehn-, vierzehn-, fünfzehnjähriger Mädchen in einer knappen Viertelstunde erforschen zu wollen, von offener wie taktvoller Aufklärung durch eine mütterlich empfindende Lehrerin. Die Gefragten sind Kinder. Sie wurden überrumpelt in einer Sache, in der Abwehrkräfte ihnen erst zuwachsen müssen. Und was wird dabei herauskommen? Wie wird sich das auf die Schülerinnen auswirken, wenn sie in ‚Gazette-Bienenkorb‘ etwa lesen, vielleicht die Hälfte wünsche Intimverkehr, ein Drittel halte ihn spätestens vom 14. Lebensjahr an für angemessen, womöglich vierzig Prozent wünsche, mehr über Formen des Intimverkehrs zu erfahren, schließlich wer weiß, wie viele hätten gern die Antibabypille?“

Kein Wunder, daß die Sitzung des Elternbeirats der Bettinaschule, die drei Tage später stattfand, eine Rekordbeteiligung hatte. Doch nach stundenlanger Debatte wurde das Ergebnis der Diskussion in einer Entschließung zusammengefaßt, die mit dem Satz beginnt: „Der Elternbeirat bedauert die Art der Veröffentlichungen in der Tagespresse, durch die der Befragung eine Bedeutung beigemessen wurde, die sie nicht hat.“ Ein Mitglied des Elternbeirats der Bettinaschule vermutet sogar, die Geschichte sei der „FAZ“ zugespielt worden, um die als liberale Pädagogin bekannte Direktorin, Hilde Spickernagel, in Mißkredit zu bringen. Tatsächlich schließt die erste Attacke der „FAZ“ mit der beschwörenden Frage: „Wie kann eine Direktorin, der viele Hunderte von Mädchen anvertraut sind, das gutheißen?“ Die gleiche Frage richten nun fünf Frankfurter CDU-Landtagsabgeordnete an den SPD-Kultusminister Professor Dr. Schütte: 1. Ob er die Form der Befragung für geeignet hält, die sexuelle Aufklärung zu fördern und 2. ob er das Verhalten der Schulleiterin billigt, die ihr Einverständnis zu der Fragebogenaktion gab?

Oberstudiendirektorin Spickernagel hatte nichts daran auszusetzen, daß sich die Chefredaktion ihrer Schülerzeitung einmal darüber informieren wollte, wie man „in Leserkreisen“ über Sexualaufklärung denkt und ob ein Interesse daran besteht, über diese Thematik eine freie und offene Diskussion in Gang zu bringen. Denn dieses – nicht mehr und nicht weniger – sollte mit der Umfrage, die soviel Staub aufgewirbelt hat, herausgefunden werden. Auf keinen Fall war eine statistische Auswertung beabsichtigt gewesen. „Ich habe die Fragen gelesen, auch zum Verzicht auf eine bestimmte, noch etwas weitergehende Frage geraten und mich mit der Versicherung der Redaktion zufrieden gegeben, daß das Umfrageergebnis keinesfalls veröffentlicht wird und eine statistische Auswertung – von der erstrebten Unterrichtung der Redaktion über die Meinungen der Schülerinnen und Schüler abgesehen – unterbleibt.“

So waren die „bienenkorb-gazette“-Redakteurinnen auch einigermaßen überrascht, als „Bild“ aus Frankfurt berichtete, Christa Appel und Zlilla Drory hätten „klein beigegeben“ und würden den Sex-Report nicht auswerten. Die Beteiligten hatten sich nämlich von Anfang an dagegen verwahrt, daß es sich bei der Umfrage um ein „Sex-Report“ handeln sollte. Für Direktorin Hilde Spickernagel und die Redaktion stand von vornherein fest, daß die Ergebnisse ihrer Fragebogenaktion ausschließlich als Grundlage für Diskussionen und Interviews zur Themenbelebung der Schülerzeitung verwendet werden sollte.