Als wir am vergangenen Wochenende in Norddeutschland unseren großen Sturm hatten, da war es, wie es in solchen Fällen zu sein pflegt: Windstärke zwölf, Bäume stürzten um und legten sich quer über die Straßen, Dächer flatterten davon, Schiffe rissen sich los und irrten ohne Kapitän und Mannschaften herum, Sirenen heulten über Hamburgs klappernden, Dächern.

Wer nahe am Wasser wohnt (wie ich), kletterte den Deich hinauf und sah im fahlen Mondschein bewegte Fluten dort, wo sonst Wiesen sind. Und zu Bett ging man erst, als der Morgen graute und als man wußte: „Gefahr vorbei.“

Dreierlei war diesmal anders. Erstens: Der stereotype Satz fiel fort, nach dem „selbst die ältesten Mitbürger sich nicht erinnern, einen solchen Sturm erlebt zu haben“. Denn genau vor fünf Jahren hatten wir schon einen schlimmen Sturm, ja, er war damals sogar noch viel schlimmer. Zweitens war man diesmal besser vorbereitet: Die Deiche waren in Ordnung gebracht worden; sie hielten. Die Nothelfer wurden rechtzeitig aufgerufen; und sie kamen. Drittens machte es sich diesmal vortrefflich, daß Rundfunk und Fernsehen nächtliche Sendungen ausstrahlten: Man hört ein bißchen Musik, sah ein bißchen Film und erfuhr alle halbe Stunden, wie hoch einem, der in dem gefährdeten Gebiete wohnte, das Wasser stand. So gut informiert, waren die Norddeutschen in der Lage, dem Hochwasser gelassen in den Strudel zu blicken.

Zu Punkt drei ist allerdings anzuführen, daß der Rundfunk, wie ein Sprecher mitteilte, telephonische Anrufe einiger Leute bekam, die empört darüber waren, daß Jazz gesendet wurde. Dieser Jazz kam in der Nacht zum Freitag aus München; denn nach einem Wochenplan ist dies so und nicht anders geregelt, wie der Sprecher erklärte. Die Bayern aber hüten nichts zu fürchten. Während wir in Norddeutschland die Stirnen in Sorgenfalten legten und dumpf vor uns hinmurmelten: „Een Boot is noch buten!“, jazzten sie unbekümmert dahin. Warum auch nicht

Und doch ist es der Beachtung wert, daß einige Leute – wie viele, sagte der Sprecher nicht – offenbar verlangten, alles müsse besser zusammenpassen: Zum nordischen Sturmgeheul jazzt man nicht, erst recht nicht bayrisch.

Daß ich für meinen Teil keinen Anstoß nahm, mag an mangelndem künstlerischen Feingefühl liegen. Doch vermute ich, daß in der Tat etwas versäumt wurde: Es genügt nicht, dem Verstand durch schnelle und exakte Meldungen einzuprägen, wie die Lage ist. Die Seele verlangt vielleicht das ihrige hinzu: passende Musik, Töne, die der schweren Situation gewachsen sind.

Wenn dem aber so ist, dann hätten die Hamburger auf die Münchner Mitwirkung in dieser Nacht verzichten und ihre eigene Musik machen sollen. Und sie hätten es doch so leicht gehabt. Ich sage nur einen einzigen Namen: Telemann, Georg Philipp Telemann!