Von René Drommert

Professor Walter Höllerer hatte den Moskauer Dichter Andrej Andrejewitsch Wosnessenskij, den Altersgenossen und Freund Jewgenij Jewtuschenkos, vor ein paar Wochen in sein „Literarisches Colloquium“ nach Berlin eingeladen. Michael Osterweil holte ihn später von München nach Hamburg ins „Neue Kunstzentrum“ und schuf ihm in der Universität ein Forum für eine Dichterlesung. Wosnessenskij, 1933 in Moskau geboren, gehört unter den zeitgenössischen russischen Lyrikern zu den stärksten Potenzen – neben Jewtuschenko, Robert Roshdestwenskij, Jewgenij Winokurow, Bella Achmadulina.

In seinen selbstsicheren Lyrik-Deklamationen (natürlich auf russisch) zeigt Wosnessenskij einen Stil, der ihn Jewtuschenko ähnlich erscheinen läßt. Es ist streckenweise ein Pathos, das bei uns seit vielen Jahrzehnten verpönt ist und, legt man Kriterien unserer westlichen Auffassung zugrunde, geradezu als anti-künstlerisch definiert werden kann. Auffällig ist die starke Zustimmung, die die Moskowiter, auch in akademischen Kreisen, trotzdem finden, und das Pathos wird zum mindesten „geschluckt“.

Hält man sich aber an die Texte Wosnessenskijs (er las nur Arbeiten, die bis 1963 entstanden waren), so findet man vielfach ganz andere Register. Und es wird verständlich, warum Wosnessenskij, der in seiner Heimat auch vor Auditorien von zehn-, fünfzehntausend Menschen auftritt, sich gern als „kamernyj poet“ bezeichnet, als einen „Kammerpoeten“. Der entscheidende Eindruck, den ich von Wosnessenskij während des Gesprächs (in der vorigen Woche in seinem Hamburger Hotel) hatte, war der einer pathoslosen Wahrhaftigkeit, an den Grenzen der Ernüchterung.

Mit Künstlern wie Wosnessenskij wird man rechnen dürfen, wenn man sich einen Begriff davon machen will, wohin Rußland sich entwickelt. Und unsere Politiker, die eine Verbesserung unserer Beziehung zur Sowjetunion auf längere Sicht und auf breiterer Basis im Auge haben, täten gut daran, sich auch um das Verständnis solcher Leute wie Wosnessenskij zu bemühen: Sie sind eine größere Realität als so mancher politische Vertrag.

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Wem fühlen Sie sich als Lyriker mehr verbunden, Boris Pasternak oder Wladimir Majakowskij?