Von Hans Gresmann

Die Zukunftsprognosen, die gegenwärtig für Indien gestellt werden, für den größten demokratischen Staat der Erde, sind mit einem Schuß Pessimismus durchtränkt. Hungersnot, Wirtschaftsstagnation, Bevölkerungsexplosion, Autoritätsschwund der Zentralregierung, Kampf der religiös Orthodoxen gegen die Erfordernisse eines modernen, säkularisierten Staates – das sind die alarmierenden Faktoren, durch die schon seit einer Weile die indische Krise in aller Welt signalisiert wurde.

1966 sei, so hat Staatspräsident Radhakrishnan kürzlich erklärt, das schlechteste Jahr seit der Unabhängigkeit vor zwei Jahrzehnten gewesen. Und er hat hinzugefügt, daß vielerorts sogar Zweifel aufgetaucht seien an „der Stabilität eines vereinigten demokratischen Indien“.

Derlei Zweifel sind durch den Ausgang der jüngsten Wahlen ganz sicher nicht beseitigt worden. Die Kongreßpartei, die seit 19 Jahren ununterbrochen und unangefochten mit einer Zweidrittelmehrheit regiert hatte, wurde arg gerupft und verfügt im Bundesparlament nur noch über eine knappe Mehrheit. Sehr viel größer noch waren die Verluste in einigen der 16 Unionsstaaten. Die Sorge ist nicht unbegründet, daß am indischen Mammutstaat mit seinen 500 Millionen Menschen künftig starke Zentrifugalkräfte zerren werden. Vorbei jedenfalls sind für den Subkontinent die Zeiten, da die Kongreßpartei praktisch das Regierungsmonopol besaß, vorbei die Zeiten, da Ministerpräsident Nehru als demokratischer Autokrat dem Lande – bei allen wirtschaftlichen Nöten – zu innenpolitischer Solidität verhalf.

Gleichviel, ob Nehrus Tochter Indira Gandhi künftig Ministerpräsident bleibt oder nicht – die neue Regierung wird gezwungen sein, vielerlei Kompromisse zu schließen. Eine straffe Führung, die das drohende Chaos aus eigener Kraft bannen könnte, ist jedenfalls zunächst kaum zu erwarten. Über Indien ballen sich dunkle Wolken der Unsicherheit zusammen. Und dies zu einer Zeit, da der kommunistische Koloß im Nordosten, da auch China von einem politischen Unwetter geschüttelt wird.

Lange Jahre war es fester Bestandteil politischer Denkspiele, darüber zu knobeln, welcher der beiden großen Nachbarn für Asien das Entwicklungsmodell abgeben würde. Man sprach dabei vom demokratischen „Experiment Indien“ und vom kommunistischen „Experiment China“. Solcherart Gegenüberstellung war nicht nur deswegen reizvoll, weil es sich hier um zwei Staaten handelt, in denen über ein Drittel der Weltbevölkerung lebt, sondern auch, weil China und Indien in vergleichbarer Position auf der politisch-wirtschaftlichen Startrampe standen. Die Landbevölkerung machte in beiden Ländern etwa 85 Prozent der Gesamtbevölkerung aus, und bei einem jährlichen Zuwachs von rund 2,5 Prozent mußte für Peking nicht anders als für Delhi das Problem vor allem darin liegen, mit dem Feind Nummer eins fertig zu werden: dem Hunger.

Ein entscheidender Unterschied freilich lag darin, daß Indien versuchte, mit dem Prinzip der Freiwilligkeit voranzukommen, während China allein auf den totalitären Zwang baute. Eine Weile waren, keine Frage, die chinesischen Erfolge verblüffend. Nachdem die sowjetische Hilfe versiegt war, durfte Peking auf keine Entwicklungshilfe von außen mehr hoffen. Dennoch gelang es dem Regime, eine zum Teil staunenswerte Wirtschaftsentwicklung, ja sogar eine Nuklearproduktion in Gang zu setzen. Und es häuften sich die Stimmen – auch im Westen –, die meinten, es werde wohl das chinesische Modell sein, das sich in Asien schließlich durchsetze.