• „Arwed D. Gorella“ (Berlin, Galerie Nierendorf): Zuerst denkt man, Florian Karsch hätte wieder mal einen vergessenen Künstler der Goldenen Zwanziger Jahre ausgegraben. Die ordenbehängten Generale, Würdenträger, kommandierten Spießer und babylonischen Huren könnten in Tuchfühlung mit Otto Dix und George Grosz entstanden sein. In den Kardinalsbildern wird Bacon imitiert oder persifliert. Die Collagen sind Max Ernst nachempfunden und nachgearbeitet. Und so weiter, von Corinth bis zu Picasso.

Gorella, Jahrgang 1937, Absolvent der Berliner Hochschule, Klasse Camaro, beherrscht die verschiedensten Idiome. Er bekennt sich zum Eklektizismus. Der Verzicht auf eigenen Stil garantiert totale Freiheit, um das jeweilige Objekt mit den ihm angemessenen Mitteln anzugreifen. Die Methode bewährt sich vorzüglich, wenn er literarische Texte illustriert, „1001 Nacht“ mit pikant gefälligem Strich, Biermann-Texte aggressiv-brisant, am subtilsten „Madame Therese“ von Blaise Cendrars.

Im übrigen: Satire, Zeitkritik, Psychoanalyse, Antiklerikalismus, ein bißchen Bürgerschreck, ein bißchen Engagement. Die riesige Erstausstellung, bis Mitte März mit 184 Arbeiten aus fünf Jahren, bietet ein immerhin abwechslungsreiches Kaleidoskop, in dem fremde Einfälle durcheinandergeschüttelt und mit eigenen versetzt werden. Seine Malerei sei ein Protest gegen eine Kultur, die von Originalgenies übervölkert sei, versichern seine Freunde in der Nachbemerkung des Katalogs. Seine Bilder wollen die alten Hüte der Kunst anbieten. Wenn das alles ist, was Gorella vorschwebt, dann braucht er sein Talent nicht zu strapazieren.

  • „Henryk Berlewi“ (Bremen, Galerie Hans Joachim Rewolle): Zwischen den rund 25 älteren und neuesten Arbeiten des polnischen Malers, die vorher in Warschau ausgestellt waren, hängt eine Photographie aus dem Jahre 1924. Berlewi vor den Bildern seiner Ausstellung, die im Automobilsalon Austro-Daimler in Warschau veranstaltet wurde. Das Photo soll einerseits die progressive Haltung des Malers demonstrieren, der Autosalon hat den Kunstsalon abgelöst, die Kunst drängt ins Leben, verbrüdert sich mit dem technischen Fortschritt. Die Aufnahme aus dem Jahre 1924 soll aber vor allem den Anspruch unterbauen, den Berlewi seit Jahren öffentlich und lautstark erhebt, daß nämlich alles, was der heutige Konstruktivismus, was Op art produziere, auf seine Erfindung zurückgehe.

Ist Vasarely ein Plagiator, wie Berlewi behauptet? Noch sind wir nicht so weit, daß Maler sich ihre Bilder patentieren lassen. Berlewi selber steht in einer konstruktivistischen Tradition, er hatte Kontakt mit Lissitzky und Malewitsch, und er hat das Formenvokabular der Konstruktivisten um die „Mechano-Fakturen“ bereichert. Beispiele seiner Mechano-Faktur-Malerei waren kürzlich auch in Frankfurt auf der großen Konstruktivisten-Retrospektive zu sehen.

Er versteht darunter eine Mechanisierung der malerischen Mittel, er arbeitet mit gleichmäßig gerasterten Flächen, die gegeneinander verschoben und mit geometrischen Formen, Quadrat und Kreis, in Beziehung gebracht werden. Das geschieht zunächst am gegenständlichen Motiv, dem „Stilleben mit Flasche“, das durch verschiedene Stadien der Geometrisierung bis zur gegenstandsfreien Komposition abgewandelt wird.

Etwa sechs Arbeiten aus Berlewis Pionierjahren sind in Bremen ausgestellt. Der Rest stammt aus den letzten Jahren, seit 1957 ist Berlewi nach einer langen gegenständlichen Periode wieder auf seine Anfänge, die inzwischen wieder aktuell geworden waren, zurückgekommen. Dabei experimentiert er gelegentlich mit kinetischen Effekten, oder er überträgt das Rasterprinzip in die Dreidimensionalität.

Offenbar hat der siebzigjährige Maler dogmatische Strenge und starren Schematismus aufgegeben. Ein originelles Beispiel für seinen Spätstil ist ein Landschaftsbild, Méditerranee: aus starkfarbigen Kuben und Kreissegmenten wird eine Mittelmeerlandschaft aufgebaut, ein virtuoser kleiner Zaubertrick, der Realität vorspiegelt und hinter der Konstruktion verschwinden läßt. – Bis Mitte März. Gottfried Sello