Marl

Die Lobeshymnen sind verstummt. Die Prophezeiungen des Bundes der Steuerzahler gingen nur allzu rasch in Erfüllung. „Kein Zweifel“, so schrieb er im Juni 1964 in seinen „Nachrichten für Nordrhein-Westfalen“, „über Marls neues Rathaus wird man reden. Der Steuerzahler fürchtet freilich, daß man darüber eines Tages auch Klagelieder anstimmen wird.“ Schneller, als die Marler Stadtväter es sich je hätten träumen lassen, war es dann soweit: Die Kassen leer, die Stadt verschuldet. Heute ist der stolze Traum von Marl, das Rathaus, ein Torso.

Marl, der „Städtezwerg unter den Industriegiganten des Reviers“, ist ein Konglomerat von fünf Dörfern mit 76 000 Einwohnern. Die Industrie verursachte das schnelle Wachstum. Erst kam die Kohle, dann die Chemie.-Die beiden Zechen „Brassert“ und „Auguste Victoria“ prägten die Stadtteile Hüls und Brassert. Die einst steuerträchtigen Unternehmen sind heute Sorgenkinder.

Das eigentliche Marler Wirtschaftswunder brachten die „Chemischen Werke Hüls“. In den dreißiger Jahren wurden sie gegründet. Heute arbeiten dort fast 16 000 Menschen. Nach dem Kriege erreichten die Gewerbesteuer-Einnahmen der Stadt Marl dank der drei Großbetriebe ungeahnte Höhen. Hinter Leverkusen rangierte Marl im Realsteueraufkommen je Einwohner an zweiter Stelle in Nordrhein-Westfalen.

Die vollen Kassen kamen den ehrgeizigen Plänen des damaligen Marler Bürgermeisters und Bundestagsabgeordneten Rudolf Heiland gerade recht. Es entstanden neue Wohnhäuser, großzügige Schulen und ein vortreffliches Hallenbad. Aber bereits das Krankenhausprojekt, die „Paracelsus-Klinik“, machte Mitte der fünfziger Jahre deutlich, daß des Bürgermeisters Elan nicht nur aus der Sorge um das Wohl der Stadt gespeist wurde. Hier stand seine Familienehre auf dem Spiel. Schon Heilands Vater, der in den zwanziger Jahren Bürgermeister von Marl war, hatte sich vergeblich an einem Krankenhausneubau versucht. Bis zum Kellergeschoß war der Bau damals gediehen, da zerstritten sich die Mitglieder des Kuratoriums. Heiland junior ließ nicht locker, bis Marl nach den Plänen des früheren Hamburger Stadtplaners Hebebrand ein Krankenhaus hatte, das lange Zeit als Europas modernstes Hospital galt.

Den agilen Rudolf Heiland focht es nicht an, daß seine großzügigen Bauvorhaben zu einem Drittel mit Schulden finanziert wurden. Im Gegenteil, die „Krönung“ seines Wirkens für die Stadt, das Rathaus, stand noch bevor. Die besten Architekten Europas waren für dieses Projekt gerade gut genug. Aus dem internationalen Wettbewerb gingen die beiden holländischen Architekten Bakema und Brook als Sieger hervor. Ihr kühner Entwurf ließ die ersten Befürchtungen unter den Ratsherren aufkommen. Der architektonische Clou des Rathauses besteht nämlich in den Türmen. Die Geschosse der 33 und 40 Meter aufragenden Hochhäuser hängen an riesigen Pilzen, außen gehalten von starken Seilen aus Stahl und Beton. Zuerst war von 15 Millionen Baukosten die Rede. Experten rechneten jedoch mit einem tatsächlichen Kostenaufwand von mindestens 30 Millionen Mark. Fünf Jahre später, bei der Einweihung des ersten Bauabschnitts, ließ der forsche Bauherr dann die Katze aus dem Sack: „13 Millionen wurden bisher verbaut, weitere 27 Millionen Mark werden für die restlichen Arbeiten bis zum Endausbau nach den heute gegebenen Voraussetzungen benötigt.“

Ein Raunen ging durch den deutschen Blätterwald „Der Städtezwerg Marl baut das größte Rathaus, das nach 1945 in der Bundesrepublik in Angriff genommen wurde.“ Bürgermeister Heiland verteidigte sich mit wohlgesetzten Worten: „Ich bin der Meinung, daß eine demokratische Zeit ihren baulichen Ausdruck nicht nur in Versicherungspalästen und in Verwaltungsgebäuden der Großindustrie findet, sondern die Bürger so