Von Dieter Döllken

Accra, Ende Februar

Am Black Star Square zu Accra, wo sich Kwame Nkrumah einen Aufmarschplatz mit hochragenden Tribünen hatte bauen lassen, begingen seine Nachfolger den ersten Jahrestag ihrer „ruhmreichen Revolution“. Panzer rollten über den Asphalt, Infanteristen im Kampfanzug marschierten; drei Düsenjäger fauchten unter der heißen Sonne vorüber. Als der knorrige Generalleutnant Joseph Ankrah, der Vorsitzende des Nationalen Befreiungsrates, die Bilanz des ersten Jahres ohne Nkrumah zog, versagte ihm vor Bewegung mehrfach die Stimme.

Drei Tage lang konnten die Ghanaer feiern – und sie, die Musik und Fröhlichkeit auch in ernsteren Zeiten stets zugetan sind, taten es mit größtem Vergnügen: Fackelzug, Tanz, Feuerwerk, Festgottesdienste und die Paraden der Sieger dokumentierten den Wandel, der sich in der westafrikanischen Republik seit dem 24. Februar 1966 vollzogen hat. Damals erreichten sechshundert Soldaten der nordghanaischen Garnison Tamale nach 25stündiger Fahrt durch den Busch die Hauptstadt. Was als ein Manöver für einen künftigen Einsatz in Rhodesien angesetzt war, verwandelte sich unversehens in einen Staatsstreich. Die Regierung des zur gleichen Stunde in Peking eintreffenden Nkrumah wurde hinweggefegt.

Diese Revolution war aber nicht allein das Werk jener sechshundert Männer und einer Handvoll unzufriedener Offiziere. In Nkrumahs diktatorisch überwachtem und verwaltetem Staat wären sie zweifellos gescheitert, wenn nicht die überwiegende Mehrheit der Stadtbevölkerung spontan auf ihre Seite übergegangen wäre. Selbst Mitläufer des alten Regimes zögerten keine Minute, den Stab über ihren abwesenden Herrn, und Meister zu brechen. Heute erinnert sich Oberst Akwasi Afrifa, einer der Planer des Putsches: „Mr. Krobo Edusei, der Chef des Protokolls und ein Gründungsmitglied der Convention People’s Party, feierte ausgelassen in seinem Haus, als die Nachricht von dem Umsturz ihn erreichte – eine Flasche Whisky in der rechten Hand, einen weißen Turban um den Kopf gewunden ...“ Das war jener Krobo Edusei, der Nkrumah und der Partei alles verdankte, was er war und besaß – einschließlich jenes berühmten goldenen Bettes, das Mrs. Edusei in London gekauft hatte.

Heute, ein Jahr später, schlägt die Begeisterung in Ghana nicht mehr solch hohe Wellen, aber die Bilanz würde, trotz einiger Schatten, im ganzen doch ermutigend ausfallen. In wichtigen Bereichen der Regierung und Verwaltung hat sich der aus Armee- und Polizeioffizieren gebildete Befreiungsrat bewährt, vor allem deshalb, weil er vernünftig genug war, Beistand und Rat aus anderen Kreisen der Bevölkerung zu aktivieren. Gewerkschaftler, einige der traditionellen Häuptlinge, Richter, Fachleute aus Wirtschaft und Verwaltung und die Überlebenden der einstigen Oppositionsparteien – besonders Professor K. A. Busia und Rechtsanwalt Joe Appiah – dienen als politische Berater.

Mit vereinten Kräften gelangte Ghana auf den Weg wirtschaftlicher Gesundung – kein leichtes Unterfangen angesichts der Last von mehr als drei Milliarden Mark an Auslandsschulden, die Nkrumah seinen knapp acht Millionen Ghanaern hinterlassen hatte. Die Beziehungen zur westlichen und neutralen Welt wie zu den afrikanischen Nachbarn sind rasch geordnet, die zu Osteuropa nicht abgebrochen worden. Lediglich Chinesen, Kubaner und die amtlichen DDR-Vertreter zogen aus Ghana ab. Die Beziehungen zur Sowjetunion sind allerdings wieder getrübt, seit die Ghanaer befürchten, Moskau betreibe insgeheim die Rückkehr Nkrumahs aus seinem Exil im nahen Guinea.