„Wer nicht weiß wohin, der schickt’s nach Amsterdam“

Von Ingeborg Zaunitzer-Haase

Jemand tippt von hinten an meine Schulter: „Lassen Sie uns gehen, die Gelegenheit ist günstig!“ Er schmunzelt dabei. Er ist Holländer und Angestellter der holländischen Luftverkehrsgesellschaft KLM. Es ist Nacht am Amsterdamer Flughafen Schiphol.

„Dürfen wir Ihnen ein bißchen zutrauen?“ fragt er mit holländischem Akzent. „Zumuten“ meint er, und ich nicke. Aber das sieht er nicht mehr; er hat sich kräftigen Schritts in Marsch gesetzt, durchmißt eilends schlecht beleuchtete Gänge im Luftfracht-Verwaltungstrakt, sagt „Vorsicht!“, denn da liegt eine große Schiffsschraube quer über dem Weg, und bemerkt: „Da wären wir.“

Bei Tage hatte das Durcheinander in der großen Luftfrachthalle ausgesehen, wie ein normales Warengedränge nun einmal aussieht; und ich hatte ein Ziel gehabt, das mich ablenkte: Ich mußte die Ankunft jener drei zusammen 41,3 Kilogramm schweren Pappkartons mit den 160 Hit-Platten kontrollieren, die mein Flugzeug aus Hamburg als Luftfracht mitgebracht hatte und die nun, bei Nacht, längst nicht mehr da waren. „Morgen früh sind sie schon in Amsterdams Läden zu kaufen“, hatte man mir erklärt.

Momentan ist der Morgen noch ziemlich weit weg. Wir schlängeln uns an überstark neonbestrahlten Bündeln, Paketen, unverpackten Maschinenteilen vorbei. Eine halbverrostete Kette, armdicker Stahl, halbmeterbreit die Durchmesser der einzelnen Glieder, ringelt sich zu einem Luftfrachthaufen – als Fracht nur durch ein angebundenes Schild zu erkennen. „Wer irgendwo auf der Welt mit irgend etwas nicht weiß, wohin damit, der schickt es nach Amsterdam“, sagt mein Begleiter. Er schnüffelt an einem von einigen Dutzend Pappkartons und steckt seine Hand in eine Ritze. „Paprikaschoten, ganz grün, sehen Sie selbst!“

Aber ich sehe ein Gestänge, an dem hunderte weiblicher Kleidungsstücke baumeln, durchsichtig folienverpackt. Aus Italien. Ich sehe Kisten mit der Aufschrift „Pullover“, sehe lächerlich kleine Päckchen, fast verschwindend unter Kunststoffeimern („Irgendwelche Pasten“), zwischen losen Metallgebilden und kräftigen Pappkartons („Bratpfannen“). Gehen die ganz kleinen Päckchen nicht verloren? „Warum? Sie haben doch ihre Begleitpapiere.“ Und wieso Bratpfannen per Luftfracht? „Sind wohl neuartig und sollen der Konkurrenz zuvorkommen.“ Was gibt es nicht bei Ihnen? „Gar nichts gibt es nicht.“ Und was kommt regelmäßig? „Gar nichts kommt regelmäßig. Vieles wiederholt sich: Textilien, Maschinenteile; aber wir wissen niemals wann.“ Gibt es nichts, womit die Luftverkehrsgesellschaften fest rechnen können, wenn sie ihr Frachtaufkommen kalkulieren? „Doch, es gibt etwas Festes: den Zufall.“