In der Londoner City will man wissen, daß die Abfindungsofferte unterschriftsreif vorliegt: Mobil Oil, drittgrößter Erdölkonzern der Welt, will die Aktien der Gelsenkirchner Bergwerks AG aufkaufen, um auf diesem Umweg die Kontrolle über das größte Tankstellennetz in der Bundesrepublik, über Aral, zu gewinnen. In Bonn sucht man unterdessen nach Möglichkeiten, um die Aral-Mehrheit in deutschem Besitz zu erhalten. Die Farbwerke Hoechst, Wintershall, die Veba und andere werden als mögliche Partner für Gelsenberg genannt – das Bundeswirtschaftsministerium versucht offensichtlich, in letzter Minute doch noch einen deutschen Ölkonzern zusammenzubasteln. „In letzter Minute“, denn außer Aral befinden sich alle größeren Tankstellengruppen bereits im Besitz ausländischer Konzerne.

Es ist das gute Recht der amerikanischen Großindustrie, bei uns Firmen aufzukaufen (obwohl die USA dann vielleicht nicht ganz so laut über ihre ständigen Devisenverluste klagen sollten). Ausländische Investitionen sollten uns immer willkommen sein, weil dadurch Kapital, moderne Managementmethoden und technisches know how importiert werden. Aber wenn wir auch auf Aral verzichten, ist die letzte Chance verspielt, daß sich auch ein in der Bundesrepublik beheimatetes Unternehmen auf dem politisch, ökonomisch und technologisch gleichermaßen bedeutsamen Mineralölmarkt behaupten kann.

Verrät es nationalistische Gesinnung, wenn man dem Sozialdemokraten Schiller Erfolg für seinen Versuch wünscht, die Bundesrepublik „nicht ganz aus dem Geschäft drängen zu lassen“?

Ist es Nationalismus, wenn Franz Josef Strauß darlegt, daß wir den USA und England keine Zusagen für weitere Milliardenzahlungen zum Devisenausgleich geben, können? Die Bundeswehr kann künftig etwa vier Milliarden Mark pro Jahr für den Kauf von Ausrüstung ausgeben. Natürlich ist es undenkbar, daß wir dann für drei Milliarden in Amerika und England einkaufen – wenn wir gleichzeitig noch Gemeinschaftsproduktionen innerhalb der EWG finanzieren und der eigenen Industrie mehr Aufträge zukommen lassen wollen.

Der „Fall Aral“ und der Devisenausgleich hängen zusammen: Wir müssen mit allen Mitteln verhindern, daß der amerikanische Verteidigungsminister McNamara mit seiner Prophezeiung Recht behält, der technologische Abstand zwischen Amerika und Europa werde immer weiter zunehmen. Dabei geht es nicht nur um Prestige, sondern um handfeste ökonomische Interessen. Immerhin hat die Flugzeugfirma Lockheed errechnet, daß Amerika durch den Export von Überschallflugzeugen in den nächsten zwanzig Jahren einen Exporterlös von 38,6 Millionen Dollar erzielen werde.

Phrasen sollten wir uns ersparen, wir sollten auch immer zur Arbeitsteilung bereit sein – aber es gibt nun einmal „berechtigte nationale Interessen“: ein Staat kann sich ökonomisch nur behaupten und wird nur dann als Partner von anderen begehrt, wenn er eigene Leistungen vorzuweisen hat. Wir müssen etwa den Amerikanern sagen können: „Gut, wir kaufen eure Überschallflugzeuge, wenn ihr unsere Kurzstrecken-Jets bestellt.“

Diether Stolze