Nur mir knapper Mühe hat die indische Kongreßpartei, die vor zwanzig Jahren den Subkontinent in die Freiheit führte, ihre absolute Mehrheit im Parlament behaupten können. Härter als erwartet, wurde der „Kongreß“ von rechts und links in die Zange genommen. Ministerpräsidentin Indira Gandhi, die nun um ihre Wiederwahl bangen muß, verlor fast ihr halbes Kabinett: Sieben Minister und mehrere Parteibosse büßten bei der Wahl ihre Mandate ein. Am schwerwiegendsten war die Niederlage des 63 Jahre alten Parteivorsitzenden Kumaraswami Kamaraj, der in seinem Heimatort Madras ausgerechnet einem unbekannten 29 Jahre alten Studenten unterlag.

Von den 520 Parlamentssitzen entfielen auf die Kongreßpartei etwa 280 (bisher 361). Die konservative Swatantra bekam mehr als 40 Sitze, die rechtsradikale Hindu-Partei Jan Sangh 35, die sozialistische Samukta 23 und die Kommunisten mindestens 40, doch verteilen sich deren Mandate auf einen moskau- und einen pekingtreuen Flügel. Der Rest der Sitze ging an unabhängige Kandidaten und Splitterparteien.

Bei den gleichzeitigen Wahlen in den sechzehn Bundesstaaten wurde die Kongreßpartei in zwei Ländern – den Südstaaten Madras und Kerala – von der Macht ausgeschlossen. In sechs ihrer Hochburgen verlor sie die absolute Mehrheit, blieb jedoch stärkste Partei: in Orissa, dem Pandschab, in Bihar, Westbengalen, Rajastahan und in Uttar Pradesch, der Heimat der drei bisherigen Ministerpräsidenten Jawaharlal Nehru, Lal Bahadur Schastri und der Tochter Nehrus, Indira Ghandi. Die Ministerpräsidentin selber konnte in ihrem Wahlbezirk mit einer Mehrheit von 91 000 Stimmen vier andere Kandidaten aus dem Feld schlagen, doch wird ihr dieser Erfolg wenig helfen, da über ihre politische Zukunft der Parteirat zu entscheiden hat.

Die Kommunisten errangen ihren größten Sieg im südwestlichen Küstenstaat Kerala, wo die Gefolgsleute Pekings im Landtag 100 von 133 Sitzen eroberten. Im Schlüsselstaat des Südens, in Madras, wurde die Kongreßpartei von einer Koalition von fünf Oppositionsparteien überwunden. Ihr Wahlsieg war vor allem der Kampagne des Lokalpolitikers Kazhagan zuzuschreiben, der sich gegen eine Vorherrschaft der Hindi-sprechenden Nordinder über die Tamil-sprechenden Südinder auflehnte.

Die Rechtsradikalen errangen einen sensationellen Sieg in der Bundeshauptstadt Delhi, wo ihnen alle sechs Parlamentssitze und die Herrschaft im Stadtparlament zufielen.

Das Regieren des 500-Millionen-Staates wird nun schwerer denn je sein. Der Kongreß mußte dafür büßen, daß er des Hungers und der vielen Unruhen in verschiedenen Teilen des Landes nicht Herr geworden war. Aber diese Partei ist immer noch die stärkste politische Kraft, die mit Hilfe einer starken Bundesexekutive, der Beamtenschaft und der Streitkräfte die Indische Union zusammenhalten kann.