So viel und so eilig ist noch selten zwischen den Hauptstädten Osteuropas hin und her gereist worden wie in diesen Tagen und Wochen. In Moskau war jetzt der ungarische Parteichef Kadar, vor ihm der tschechoslowakische Außenminister David, nach ihm der bulgarische Parteichef Schiwkoff; der sowjetische Parteichef Breschnew hatte kürzlich erst in Warschau und Prag konferiert und in der Sowjetunion mit Tito, der wiederum in Budapest mit Kadar sprach; der tschechoslowakische Präsident Novotny fuhr diese Woche nach Polen, nach ihm hat sich schon Ulbricht angemeldet; der jugoslawische Außenminister Nikeziz war kurz bei seinem Kollegen Manescu in Bukarest, der vorher wiederum mit seinem ungarischen Kollegen Peter konferiert hatte.

Zugleich hörte man allenthalben Reden, die stets um zwei Themen kreisen: Die Frage der Beziehungen zu Bonn und das Problem der sozialistischen Einheit. Zwischen beiden besteht ein Zusammenhang. Die Haltung in der Deutschlandfrage war bislang ein ungeborstener Pfeiler der Einheit im östlichen Lager, wo sich seit dem chinesischen Ausbruch immer stärker nationale Interessen geltend machen. Das ist inzwischen anders geworden. Gewiß ist daran nicht die Bundesrepublik schuld; sie sollte sogar alles tun, um den Eindruck zu vermeiden, sie wolle sich diese Entwicklung eilfertig zunutze machen. Jede billige Schadenfreude kann die Ansätze der Bonner Ostpolitik stören.

Die letzten Reden von Novotny, Kadar und Ceausescu, aber auch von Gomulka und Cyrankiewicz zeigen, daß bei aller Nuancierung in einem wichtigen Punkt und wenigstens formal die Einmütigkeit der osteuropäischen Länder erhalten blieb. Alle wünschen sich zwar – wenngleich mit verschiedener Intensität – bessere, auch diplomatische Beziehungen mit Bonn, aber zu einer wirklichen Normalisierung wollen sie sich nicht bereit finden, solange es nicht in Mitteleuropa – um die Formulierung Willy Brandts zu benutzen – „gesicherte Grenzen“ gibt – auch für die DDR.

Hansjakob Stehle