Von Ulrich Kaiser

Der Mann, der das Buch über Clochemerle schrieb, Gabriel Chevallier, lebte auch einige Zeit in Grenoble. Das literarische Erzeugnis dieser Jahre heißt in Deutschland „Papas Erben“ und ähnelt dem anderen, berühmter gewordenen Werk sehr. Es beginnt damit, daß eine Dame, deren Reize außerordentlich anschaulich geschildert werden, am Fenster stehend sehnsüchtig seufzend in einen frischen Frühlingsmorgen blickt und plötzlich durch die leidenschaftliche Umarmung eines Freundes ihres Gatten erschreckt wird. Die temperamentvolle Bewegung, mit der sie den Ausbruch von Zuneigung abzuwehren versucht, hat zur Folge, daß eine schwere Vase vom Fensterbrett stürzt und auf der Straße einen älteren Herrn erschlägt, von dem zu sagen ist, daß er sich – laut Chevallier – darum verdient gemacht hat, im Department der Dauphiné eine Reihe von Kolonialwarenläden einzurichten und daß er eben im Begriffe steht, zu seiner Geliebten zu gehen.

Schauplatz des ganzen ist die Rue Turenne – eine langweilige, stille Straße mit grauen, hohen Häusern, die ebensogut in fünfzig anderen Städten der Größenordnung Grenobles existieren könnte. Ihre nichtssagende Eintönigkeit hat vielleicht dazu beigetragen, daß das hier spielende Buch nicht eben ein Erfolg wurde. Die wenigen Tannenbäume, die man hier, wie auch in den anderen Straßen mit bunten, elektrischen Lichtern seit Weihnachten stehen gelassen hatte, um für die Gäste der vorolympischen Sportwoche ein etwas erfreulicheres Bild zu schaffen, vermochten den tristen Eindruck kaum zu verdecken.

Daß derselbe sich allerdings während dieser Tage so erheblich verstärkte, daß die Gäste verärgert abreisten, ist nicht die Schuld der Stadt Grenoble, die den Olympischen Winterspielen 1968 kaum mehr als den Namen lieh. Grenoble wird nämlich das Olympia der Dependancen, das in seinem Zentrum lediglich das Eishockey-Turnier sowie die Wettbewerbe der Eiskunstläufer und Eisschnelläufer erlebt. Dieses waren ein Jahr zuvor bei der Veranstaltung, von der die Organisatoren immer wieder behaupteten, sie sei keine Generalprobe, denn auch die einzigen Disziplinen, bei denen es keine Beschwerden gab. Sie fanden nämlich – von einem kleinen Eisschnellaufabend abgesehen – nicht statt.

An den anderen Orten aber geschah folgendes: In Autrans (35 Kilometer von Grenoble entfernt) wurden nordische Wettkämpfe ausgetragen. Bei der nordischen Kombination gaben die Verantwortlichen Ergebnislisten heraus, die nach dem System der alpinen Kombination errechnet waren. Ein norwegischer Kollege, von Lachkrämpfen geschüttelt, raffte diese Seltenheitswert besitzenden Kuriositäten zusammen, um sie daheim dem Holmenkollen-Museum zu übergeben. In Saint Nizier (17 km von Grenoble) sprangen die Skiflieger von einer wunderschönen Schanze in dicken Nebel, wofür natürlich die Organisatoren nicht in dem Maße verantwortlich gemacht werden konnten, wie für eine Ausrechnung, die dem Vizeweltmeister Dieter Neuendorf aus dem mitteldeutschen Oberhof zuerst den sechzehnten und dann, nach der Korrektur, den dritten Rang einbrachte. In Alp d’Huez (62 km von Grenoble), wo die Kurgäste den Nerz höchstens als Futter ihres Paletots zu tragen pflegen, baute man eine Bobbahn mitten in den Sonnenhang. Diese Attraktion verlor zweifellos vieles von ihrem Wert, als man die Zweierbobweltmeisterschaft wegen der weggeschmolzenen Piste in nur zwei Läufen und über eine Länge von lediglich tausend Metern austragen mußte, obgleich der internationale Verband vor gerade einem Jahr beschlossen hatte, offizielle Titel nur noch auf Bahnen von mindestens 1500 Metern zu vergeben. Die Weltmeisterschaft im Viererbob wurde überhaupt nicht ausgetragen. In Villard de Lans (30 km von Grenoble) klagten die Rodler ebenfalls über eine zu weiche Bahn.

Zum Eklat kam es schließlich in Chamrousse (30 km von Grenoble), wo die „high society“ des Wintersports, die alpinen Rennläufer, ihre Pistenjagd veranstaltet. Österreicher, Schweizer und Deutsche protestierten in bemerkenswerter Geschlossenheit über ihre wenig komfortablen Unterkünfte in Schlafsälen und Dachböden und fuhren kurzerhand nach Hause. Erst diese im internationalen Sport bisher einmalige Initiative schlug solche Wellen, daß man auch an höherer Warte aufmerkte und sich schließlich Regierungsstellen einschalteten. Die Einigkeit war zuletzt wieder vollkommen, allerdings auf Kosten der lokalen Organisatoren von Chamrousse, deren-Traum, Olympische Spiele auf eigene Kappe veranstalten zu können, wohl vorbei ist. Nur als kleines Nebenbei ist dabei zu bemerken, daß vierzehn Tage zuvor der amerikanische Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, Avery Brundage, eigens nach Paris gekommen war, um sich gegen das Eindringen irgendwelcher staatlich-politischer Kreise im Nationalen Olympischen Komitee Frankreichs auszusprechen. Man schied mit Kompromissen, die man nun wohl in dem Sinne auslegt, daß die olympischen Rennen 1968 doch von „ganz oben“ ausgerichtet werden. Das Vor-Olympia von Chamrousse begann mit einem Skandal und endete schließlich mit einem Witz: Dr. Robert Heraud, der Chefsekretär, der vorher verärgert behauptet hatte, die Österreicher reisen nur ab, weil sie gegen die Franzosen nicht gewinnen würden, und die Übereinstimmung mit Schweizern und Deutschen sei lediglich auf die gemeinsame Sprache zurückzuführen, mußte mitansehen, wie Frankreichs Winteridol Jean-Claude Killy am Schlußtag im Slalom stürzte und ein unbekannter Norweger namens Haakon Mjön den Sieg geschenkt bekam. Allerdings widersprach diese Tatsache auch dem Argument, daß große Rennen nur von komfortabel untergebrachten Läufern gewonnen werden können; Killy genoß, wie alle seine Landsleute, die Nachtruhe in gewohnt luxuriöser Umgebung, während Mjön mit einer bedeutend bescheideneren Herberge vorlieb zu nehmen gezwungen war.

Soweit das Thema der vorolymypischen Woche, die ihren Zweck, die Dauphiné als Wintersportparadies in die Schlagzeilen zu bringen, wahrscheinlich kaum im gewünschten Sinne verwirklicht sah. Ob das im nächsten Jahr im vollen Umfang der Fall sein wird, läßt sich bezweifeln. Die fragenden Journalisten erfuhren nämlich in der Pressestelle, daß sie 1968 zwar in einem zur Zeit noch im Bau befindlichen feudalen Hotel untergebracht werden, in dem ihnen neben einem reichen Frühstück noch zwei vielgängige Mahlzeiten nebst Tischwein täglich serviert werden – die Gesichter der zunächst erfreuten Skribenten wurden allerdings etwas länger, als sie erfuhren, daß sie dafür den stolzen Preis von zwölf bis fünfzehn Dollar zu entrichten hätten. Erst als das Wort von der „Freß-Olympiade“ fiel und man als Argument vorbrachte, daß es bei Olympischen Spielen noch nie einem Berufsschreiber gelungen ist, leiblichen Genüssen zu frönen, versprachen die kulinarischen Dingen besonders zugeneigten Franzosen ein Entgegenkommen. Inwieweit das der Fall sein wird, ist die Frage. Immerhin erscheint die Diskrepanz zu den natürlich von der Regierung gestützten Preisen bei den Spielen 1964 in Tokio von fünf Dollar sowie der bis jetzt für die Sommerspiele 1968 in Mexiko zugesagten Pension von gar vier Dollar doch recht beträchtlich.