Einmal im Jahr räumen manche Verlage den Schreibtisch auf, und von dem, was liegengeblieben ist, machen sie Anthologien. Die Photozeitschriftenverlage machen Jahrbücher. Es gibt eine Menge davon, jedes Jahr.

Aber so einfach ist es mit ihnen natürlich nicht. Da muß eine Jury ausgewählt werden, es müssen Bilder angefordert und wieder ausgewählt werden. Es sollen in der Auswahl alle Themen vertreten sein und alle Stilrichtungen, sofern es die gibt, und alle Nationen, vor allem die, in denen das Buch verkauft wird. Gut sollen sie sein und möglichst unveröffentlicht, obwohl ein Jahrbuch gute Photos nicht bezahlen kann, das sind immer Nachdrucke, wie das Porträt von Elizabeth Taylor und Richard Burton. Der amerikanische Modephotograph Bert Stern hat es für McCall’s Magazine gemacht. Zum Glück für den Verleger soll das Buch so repräsentativ sein, daß auch die „gelungenen Schnappschüsse“ der Amateure vertreten sind, denn erstens gibt es davon genug, und zweitens werden die Amateure das Buch kaufen, um sich bestätigt zu sehen in ihrer sonntäglichen Jagd mit der Kamera.

Querschnittbände erfordern also viel mehr Arbeit als das Werk eines einzigen Autors: Er überlegt einfach, was er will; bei diesen aber müssen viele Leute überlegen, was ihr gemeinsamer Wille ist und der der Käufer dazu.

Aber am Schluß ist es fertig, und man hält es in der Hand. Und als Ergebnis der vielen Mühe, die ein wenig sinnlos ist, läßt sich ein schlechtes von einem guten Photojahrbuch fast nicht unterscheiden. Das Bild (links) ist dem „Photography Year Book 1967“ entnommen, das von der englischen Zeitschrift Photography herausgegeben und in Deutschland mit deutschem Textteil vom Hanns Reich Verlag vertrieben wird.

Es ist in England gebunden (besser, als es in Deutschland üblich ist) und enthält außer hübschen Vorsatzpapieren ein Ragout aus 170 Photos von 120 Leuten, von denen bestenfalls fünf wirklich Photographen genannt zu werden verdienen. In dem Sinn nämlich, daß in ihren Arbeiten sich eine Person ausdrückt. Das Schlimme ist, daß man sie in diesem Topf nicht finden kann, wenn man nicht – wie es die Leute im Museum tun – vorher die Bildunterschriften nachsieht. Die Notwendigkeit größerer Geschlossenheit hat seit Jahren bewirkt, daß Photojahrbücher einzelnen Photographen mehr Platz einräumen; darunter sind hier Robert Lebeck und Bert Stern, aber je vier bis sechs Bilder sind zuwenig. Ein Bert Stern könnte ein solches Buch retten, wenn man ihm schon keine eigene Veröffentlichung zugesteht. Er ist der einzige im ganzen Buch, der seine Bilder inszeniert und bei dem man den Eindruck hat, daß er im Umgang mit seinem Gegenstand etwas entdeckt. Das Doppelporträt von Elizabeth Taylor und Richard Burton ist wie die Dokumentaraufnahme ihres Image, und solche Paradoxe gehören zum Fruchtbarsten, was Photographie zu leisten vermag. („Internationales Jahrbuch der Fotografie 1967“; Hanns Reich Verlag, München; 24,– DM.)

Herbert Linder