Von A. R. Stolle

Jahrhunderte hindurch waren selbstlose Rettungstaten an den Küsten eine seltene Ausnahme von alten Strandraubregeln. „Teilnahmslos und kaltblütig starrten die Borkumer Fischer nach dem Wrack. Keiner rührte eine Hand zur Rettung. Nur ein junger Mann wollte mit einer Leine zum Wrack vordringen. Aber er wurde von den anderen gewaltsam daran gehindert. Dann war es zu spät...“ So berichtete 1864 das „Bremer Handelsblatt“ vom Untergang der Brigg „Alliance“:

Der Mann, der in solchen Zeitungsartikeln immer wieder über die Gleichgültigkeit der Küstenbevölkerung klagte und für ein großes Rettungswerk plädierte, war der Vegesacker Navigationslehrer Adolph Bermpohl. Gemeinsam mit dem Advokaten C. Kuhlmay sandte er schließlich einen Aufruf an alle Zeitungsredaktionen in Nordwestdeutschland. Und dieser Aufruf führte zum Erfolg. Am 29. Mai 1865 wurde in Kiel die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger gegründet.

„Die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger“, so steht’s in ihren Briefköpfen, „ist die alleinige Trägerin des Rettungswerkes an den deutschen Küsten. „Ihre Arbeit wird ausschließlich durch freiwillige Spenden und Mitgliedsbeiträge ermöglicht. Ihre Tätigkeit ist notwendiger als je: Das beweisen jährlich mehr als dreihundert Einsatzfahrten.“

Auf einer Einsatzfahrt hat die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger in der Orkan- und Sturmflutnacht in der vergangenen Woche vier Mann verloren, die gesamte Crew ihres modernsten Seenotrettungskreuzers. Er heißt „Adolf Bermpohl“. Das Unglück hat überall an der Wasserkante Anteilnahme ausgelöst. Wie es geschehen konnte, wird man nie genau erfahren. Als die „Adolph Bermpohl“ nach etwa achtzehnstündiger Suche gesichtet und in Schlepp genommen wurde, war niemand mehr in Bord. Vier Rettungsmänner und drei holländische Seeleute, die sie von einem Fischkutter geborgen hatten, fanden den Seemannstod.

Die modernen deutschen Seenotrettungskreuzer, Fahrzeuge von höchster Seetüchtigkeit, unsinkbar, sind miteinem ‚Tochterboot, ausgerüstet. Das winzige Motorboot kann bei Rettungsmanövern ziemlich mühelos ausgesetzt werden. Mit dem Tochterboot wurden die drei Holländer von ihrem havarierten Kutter geholt. Dann aber hat man das kleine Boot mit den fünf Mann nicht mehr an Bord der „Adolph Bermpohl“ zurücknehmen können.

Wahrscheinlich haben sich die beiden Rettungsmänner, die auf dem Seenotkreuzer geblieben waren, aus ihren Anschnallgurten befreit, um den fünf beim Manöver behilflich zu sein. Ein paar Seemeilen von Helgoland entfernt, auf relativ flachem Wasser mit steilen, gewaltig zuschlagenden Grundseen, muß es dann zur Katastrophe gekommen sein. Die Männer wurden über Bord gerissen. Der Mast mit den Antennen wurde auf dem Seenotkreuzer umgeknickt. Als man die „Adolph Bermpohl“ am nächsten Tag fand, lief einer ihrer Motoren noch, er war ausgekuppelt. Die Inneneinrichtung war zum großen Teil zerschlagen. Wasser stand im Schiff. Aber die „Adolph Bermpohl“ schwamm aufrecht. Sie ist in der Tat unsinkbar.