Ursula Kablau gab nicht nach, aber sie wehrte sich auch nicht. Sie verteidigte das Stückchen festen Boden, das sie sich ersessen hatte, indem sie aushielt – zu einer erneuten Flucht fehlte ihr endgültig die Kraft.

Sie sah sich statt dessen nach Hilfe um und zog ihre Schwägerin Erna Kablau ins Vertrauen, wenigstens teilweise. Ihr klagte sie, daß Walter kein Geld für den Haushalt herausrücke, sie ohne Essen übers Wochenende mit den Kindern sitzenlasse. Eine Verbündete fand sie dabei nicht. Sie solle sich das Geld doch einfach nehmen, aus Walters Kassette, habe ihr Erna Kablau geraten. Ursula Kablau folgte dem Rat und gab sich so auch noch der Schwester ihres Mannes in die Hand. Erna Kablau spann ihre Intrigen, warum, weiß niemand, und es wurde schwierig und schwieriger für Ursula. Der Beate erklärte Erna Kablau, ihr Vater sei nicht ihr Vater. Und sie erzog herum an dem Kind und säte weiteren Kummer, wo schon Kummer genug war. Vor dem Richter wunderte sie sich: Von Beate hatte ich das Gefühl, daß das Kind mich irgendwie haßt. Beate wurde aufsässig, verweigerte der Tante den Gruß. Da strafte Walter Kablau das Kind. Er habe Beate Ohrfeigen gegeben und auch mal einen Schuh nachgeworfen, erinnerte sich Erna Kablau. Aber ich habe Ursel gesagt: Du hast meinen Bruder geheiratet, nun sieh zu, wie du mit ihm fertig wirst. Walter hat sich aber nie reinreden lassen. Ich hatte das Gefühl, daß es nicht gutgehen würde.

Ursula Kablau versuchte, die Schwägerin zu besänftigen; aber sie lieferte sich ihr dadurch nur noch mehr aus. Von ihrem Ersparten kaufte sie Erna Kablau einen Gasherd. Davon durfte Walter natürlich nichts erfahren. Und weil der Vertreter schon da war und Erna Kablau und der Vertreter sie beschwatzten, wer weiß, kaufte sie noch mehr: einen Entsafter, einen Staubsauger, eine Bohnermaschine und eine Teppichklopfmaschine, Elektrogeräte für ungefähr tausend Mark, die in monatlichen Raten abzustottern sie sich verpflichtete.

Sie wollte mit diesen Geräten ausgerüstet in die neue Wohnung ziehen, weil sich das so gehört und weil sie dachte, wo solche Geräte sind, da wird auch Häuslichkeit sein. Und sie dachte weit in die Zukunft dabei, weiter als jemals zuvor in ihrem Leben. Die Teppichklopfmaschine sollte erst im Frühjahr 1966 geliefert werden. Sie ahnte die Gefahr noch immer nicht, trotz allem nicht.

Sie ahnte sie noch nicht einmal, als Walter Kablau während ihrer Schwangerschaft begann, seiner früheren Freundin Renate Kallinowsky wieder eifriger nachzustellen; und die ließ sich darauf ein, wenn auch vielleicht nicht so ernsthaft, wie Walter Kablau es sich wünschte, doch schrieb sie immerhin einen Brief an ihn, in dem stand: Hoffentlich kannst Du mit Deiner dicken Frau auch schlafen! Ursula Kablau nahm auch das hin. Sie nahm es hin, wie sie es am Anfang ihrer Bekanntschaft mit Walter Kablau hingenommen hatte, daß er mit ihr am Arm vor dem Fenster der Renate flanierte, um diese zu ärgern, und sie widersprach nicht, als er ihr befahl, ihn zu einer Geburtstagsfeier im Hause der anderen zu begleiten. Du mußt mitgehen, hat er mir gesagt. Da bin ich mitgegangen. Ich war ziemlich geknickt, weil die Renate Kallinowsky Annäherungsversuche gemacht hat an meinen Mann, wo ich doch dabei war. Da hab’ ich ihm auch Vorwürfe gemacht. Er hätt’ mich nicht zwingen dürfen, hab’ ich ihm gesagt.

Die Nachbarn und Arbeitskollegen Walter Kablaus stellten ihm vor dem Richter ein denkbar gutes Zeugnis aus: Walter Kablau sei ein fleißiger, zuverlässiger, hilfsbereiter und gutmütiger Mann gewesen. Nur in Superlativen könne er von seinem Hausmeister sprechen, erklärte sein Chef, der Geschäftsführer der Glasergenossenschaft, obwohl er nicht dabei war, wenn sein Hausmeister tätig werden sollte. Walter Kablau selber trug dazu bei, was er konnte. Er sei stets gut gewesen zu Beate, beteuerte er unaufgefordert der Kriminalpolizei. Die Mitbewohner des Hauses in der Großen Friedberger Straße bestätigten das allerdings. Fast zu gut sogar, entfuhr es einer Zeugin. Dieses zu gut war der erste Schatten, der über das strahlende Bild fiel, es war ein flüchtiger Schatten nur, aber weitere, dunklere folgten.

Walter Kablau, geboren am 12. November 1926 in Heilsberg in Ostpreußen, war fast vierzehn Jahre älter als seine Frau und mit Sicherheit intelligenter. Eine achtklassige Grundschule durchlief er mühelos, ebenso seine Glaserlehre.