EMNID brachte es an den Tag: Reiselustige Bundesbürger haben im Herzen das politische Tauwetter schon vorweggenommen. Seit Jahren vergleichen die Meinungsforscher die Anziehungskraft zweier spektakulärer Reiseziele miteinander: New York und Moskau. Immer vorausgesetzt, die Reise würde nichts kosten.

In dieser ungleichen Schönheitskonkurrenz obsiegte selbstverständlich die schöne Amerikanerin. Und dennoch: Seit drei Jahren schrumpft ihre Attraktivität. Und Moskau holt auf. 1964 fühlten sich 70 Prozent der Meinungsträger von New York angezogen, weil’s dort „interessanter und vertrauter“ sei, und nur 17 Prozent von Moskau, weil sie’s mal „mit eigenen Augen sehen“ wollten. 13 Prozent hatten keine Meinung.

Zwei Jahre später signalisierten die Vergleichszahlen die Merkmale eines keimenden Konflikts. Die Suggestion der amerikanischen Weltstadt wirkt nur noch auf 59 Prozent der befragten Eventualreisenden. Moskau deucht aber schon 21 Prozent interessanter; und (hier zeichnet sich die Konfliktsituation in ihrer ganzen Schärfe ab) 20 Prozent wissen plötzlich nicht mehr, was sie wollen.

Solches Meinungsmaterial bestärkt die Auguren der Reisewellen in ihren Prophezeiungen, wie im Jahr des internationalen Tourismus die großen Vögel fliegen werden. Sie prophezeien: 1967 werden 15 bis 20 Prozent mehr Westdeutsche (1966: 40 000) in Staaten des Ostblocks reisen, namentlich in die Sowjetunion.

Übrigens: Drei von 100 EMNID-Erforschten geben dem Tauwetter im Herzen wortwörtliche Bedeutung. Als Grund für die Wahl Moskaus als Reiseziel nannten sie: „Kontakte, Beziehungen zum Osten verstärken.“ WB