Rom – Hauptstadt des Katholizismus, des Dolce Vita und der Welt

Von Indro Montanelli

Ich wohne im Herzen des alten Rom: Meine Terrasse gibt den Blick frei auf den Bernini-Brunnen auf der Piazza Navona und liegt auf gleicher Höhe mit der St.-Agnes-Kirche von Borromini. Ich lebe hier seit vielen Jahren, aber ich bin kein Römer. Und ich hoffe, daß der deutsche Leser sofort den Hauch von Stolz spürt, der in dieser Erklärung liegt. Es gibt viele Franzosen, die sich dazu bekennen, keine Pariser zu sein. Wir Italiener sind stolz darauf, keine Römer zu sein; ja, ich kenne sogar einige, die von sich sagen, sie lebten in Rom wie die Engländer in Indien, das heißt: unter Vermeidung jeden Kontaktes mit den Eingeborenen. Und doch leben wir alle weiter in Rom und würden mit keinem Platz auf der Welt tauschen.

Es gibt viele Gründe für dieses Verhältnis der Anziehung und Abstoßung. Vor allem handelt es sich um eine Reaktion auf die Verachtung, mit der die Römer uns behandeln. Diese Verachtung ist so groß, daß es als überflüssig erachtet wird, sie zu zeigen. Man sagt, Rom sei eine gastfreundliche Stadt. Und sie ist es auch insofern, als jeder aufgenommen wird und tun und lassen kann, was er will. Aber nicht aus Gastfreundschaft, sondern aus Gleichgültigkeit. Genau unter meiner Wohnung befindet sich eine der römischsten Trattorien von Rom. Eines Tages (ich glaube, es war im Jahre 1911) setzten sich an einen der Tische ein Prinz mit illustrem Namen und ein zweiter adliger Herr mit gezwirbeltem Schnurrbart. Sie aßen, dann verlangten sie die Rechnung. Der Wirt nahm ein Stück Papier und begann zu schreiben, als der Prinz, der ihn gut kannte, zu ihm sagte: Haben Sie denn noch nicht begriffen, wer. der Herr ist, den ich begleite – „Und wer ist es?“ fragte der Wirt. „Kaiser Wilhelm“, antwortete der Prinz. „Ah“, sagte der Wirt, ohne die Augen von dem Stück Papier aufzuheben, „sehr erfreut“, und rechnete weiter.

Nachdem ich mich hier niedergelassen hatte, konnte ich bald feststellen, daß ich bei Händlern und Handwerkern der Umgebung gewisse Sympathien genoß. In meiner Eitelkeit schrieb ich das meiner Popularität als Schriftsteller zu. Aber später merkte ich dann, daß sie nicht einmal meinen Namen wußten. Die Sympathie war lediglich die Antwort auf den herzlichen Ton, in dem ich mit dem Pförtner, dem Briefträger, dem Barbier und dem Tankwart sprach. Heute erweisen sie mir die hohe Ehre, mich als einen der ihren zu betrachten. Ein anderer Schriftsteller, der in meiner Nähe wohnt, aber nie mit irgend jemandem ein vertrauliches Wort wechselt und sich ständig mit Büchern unterm Arm zeigt, hat den Beinamen gebildeter Idiot bekommen. Man belästigt ihn nicht, ignoriert ihn aber.

Verschlossene offene Stadt

In Wirklichkeit ist diese offene Stadt allen verschlossen. Die vielen tausend Fremden, die sich hier niedergelassen haben und glauben, in Rom zu leben, leben dagegen in einer anderen Stadt, die sich über der antiken gebildet hat, ohne mit ihr zu verschmelzen. Es ist die Stadt der „oberen Viertel“, der Via Veneto, der Ministerien, der Botschaften, der Intellektuellen, des Films, des Dolce Vita, die Rom erst zur Hauptstadt machen, eine Ehre, von der die Römer nichts halten. Rom hat nicht am Risorgimento teilgenommen, und Italien mußte Gewalt anwenden, erstens um es zu annektieren und zweitens, um es zum Regierungssitz des Landes zu machen. So ist auch die Stadtplanung à collage zu erklären. Rom ist eine polyzentrische. Stadt, eine Milchstraße von aneinandergeklebten Stücken. Die Römer haben keinen Finger gerührt, um ein Bindeglied zu schaffen und einen Schmelzpunkt zu finden. In Rom gibt es ein Café-Society, die aus den üblichen irrealen, karikaturhaften Persönlichkeiten besteht, die sich auch in Paris, London, New York und wahrscheinlich auch in Hamburg und München treffen. Aber es gibt keine „Gesellschaft“. Es gibt nur „Kreise“, die einander ignorieren.