Von Rudolf stucken

Von einer sinnvoll geordneten Wirtschaft kann nur gesprochen werden, wenn sie den elementaren Lebensbedürfnissen der Bevölkerung und den in der Bevölkerung herrschenden Zielvorstellungen entspricht. Die mittelalterliche Stadtwirtschaft hat trotz ihres stationären Charakters – das heißt, so wenig sie, auch in ihrer Blütezeit, auf Entfaltung der Produktivität ausgerichtet war – den Anforderungen einer sinnvollen Ordnung jahrhundertelang durchaus genügt.

Aber es ist nicht dabei geblieben. Die Wandlung vollzog sich, als die Stadtbevölkerung im Verhältnis zu der Bevölkerung des umliegenden Landes wuchs. Es kam zu der bekannten Entartung, daß der Aufstieg in die Stellung des selbständigen Handwerkers fast ganz auf die Söhne und Schwiegersöhne von selbständigen Meistern beschränkt wurde, so daß die sozialen Spannungen wuchsen. Die Territorialherren, die um die Verbreiterung der Einnahmequellen für ihre staatlichen Aufgaben und für ihre Hofhaltung bemüht waren, konzessionierten Betriebe außerhalb der Zünfte und ermöglichten ihnen eine größere Entfaltung, ohne allerdings der unternehmerischen Initiative den Weg freizugeben, das heißt es den Unternehmern freizustellen, was und wie sie produzieren wollen.

Die Wandlungen der geistigen Haltung im allgemeinen, die wachsende Einsicht in neue technische Möglichkeiten, die Tendenz zur Überbevölkerung ließen die Ordnung, die unter anderen äußeren Bedingungen und bei anderer Grundeinstellung der Menschen durchaus sinnvoll gewesen war, als Hemmnis der menschlichen Entfaltung erscheinen. Auf solcher Grundlage sind die Lehren eines Adam Smith und seiner Schüler entstanden, die die Befreiung des wirtschaftenden Menschen von staatlichen Bindungen verlangten, die freie Bahn für den technischen Fortschritt und den Erwerbstrieb forderten. Diese Lehren fanden einen weiten Widerhall, und die neue Einstellung erhielt bei uns im neunzehnten Jahrhundert markanten Ausdruck in der Einführung der Marktwirtschaft.

Die neue wirtschaftliche Ordnung, die ihre klarste Ausprägung in der Zeit bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges gefunden hat, hat eine großartige Entfaltung der Produktion und die wachsende Versorgung einer stark zunehmenden Bevölkerung ermöglicht.

Die Zeit vom Beginn des Ersten Weltkrieges bis zur Währungsreform 1948 können wir hinsichtlich der Wirtschaftsordnung nur als einen Zwischenakt ansprechen. In diesen Jahren kam es zu einer starken Ausprägung der Kollektivmonopole und Konzerne zwecks Marktbeherrschung dank der Tatsache, daß das Prinzip der Vertragsfreiheit auch auf Kartellverträge angewandt wurde. Daß dadurch wichtige Spielregeln der Konkurrenzwirtschaft außer Kraft gesetzt wurden, blieb unbeachtet. Eine konsequente ordnungspolitische Ausprägung hat die auf Konkurrenzausschaltung ausgerichtete Verbändewirtschaft mit ihren Kartellen und Konzernen und ihren Arbeitgeber- und Arbeitnehmervereinigungen nie gefunden; und es ist kein Wunder, daß sie zu Fehlentwicklungen geführt hat.

Es war die große Tat Ludwig Erhards, daß nach der Währungsreform vom 20. Juni 1948 die vielfachen staatlichen Regelungen der Zeit des Zweiten Weltkrieges und der ersten Jahre nach dem Zusammenbruch schnell abgebaut wurden und eine Wirtschaftsordnung hergestellt wurde, die dann später als „soziale Marktwirtschaft“ bezeichnet worden ist. Es ist von vornherein klar gewesen, daß es sich hier nicht nur um eine „Freiheit vom Staat“ handelte, sondern um eine bewußt geschaffene Ordnung, die an bestimmte Bedingungen geknüpft ist und das Handeln nach bestimmten Spielregeln des Wirtschaftens postuliert.