Von Ernst Weisenfeld

Grenoble, Anfang März

Den bisherigen Höhepunkt des französischen Wahlkampfes erlebte Grenoble, die Stadt der Olympischen Winterspiele des Jahres 1968. Der frühere Ministerpräsident Mendès-France kämpfte dort jetzt um sein Comeback als Parlamentarier. Das Streitgespräch in Grenoble zwischen Ministerpräsident Pompidou und dem vereinsamten Mendès-France zog die französische und die internationale Presse in hellen Scharen an.

Das Ereignis entsprach durchaus den Erwartungen. Die große Eislaufbahn wurde ein Schauplatz der leidenschaftlichsten Auseinandersetzungen. Die Zuhörer saßen, nur durch eine dünne Sperrholzplatte geschützt, auf der Eisfläche. Die erhitzte Stimmung und der Lärm stellten alle bisherigen, meist müden Veranstaltungen dieses Wahlkampfs in den Schatten.

Grenoble ist mit seinen vielen Baustellen und seinen neuen Werken und Laboratorien eine konzentrierte Fassung des Frankreichs der V. Republik“, meinte Pompidou zu, Beginn seiner Rede. Diese Stadt mit den ältesten Handwerksbetrieben und den modernsten elektronischen und atomaren Produktionsstätten erlebt tatsächlich alle Strukturprobleme, die Frankreich auf seinem Weg vom 19. ins 20. Jahrhundert bewältigen muß.

Kein Wunder, daß ein Mann wie Mendès-France hier seine Rückkehr ins politische Leben versucht. Der Verlauf des Disputs zeigte, daß er wieder der geheime Führer der Linken werden kann, wenn er ins Parlament gewählt wird. Auch General de Gaulle sieht es so.

Pompidou behandelte seinen Herausforderer mit größerer Achtung als Mitterrand. Aber um in Grenoble gewählt zu werden, muß Mendès-France zunächst im ersten Wahlgang den kommunistischen Kandidaten auf den dritten Platz verweisen. Sonst kann er im zweiten Wahlgang kaum der Einheitskandidat der Linken werden. Das ganze Dilemma dieser französischen Linken zeichnet sich darin ab.