Von Theo Sommer

Die Aufregung über den Atomsperrvertrag hat sich hierzulande wieder etwas gelegt. Mag sein, daß sie nicht ganz umsonst gewesen ist – verfrüht war sie auf jeden Fall. Die erste Woche der Genfer Siebzehnmächtekonferenz hat deutlich gemacht, wie fern eine wirkliche Einigung noch immer ist. Es gibt noch keinen gemeinsamen amerikanisch-sowjetischen Vertragsentwurf; die Russen gebärden sich wieder so zurückhaltend wie eh und je; und die Nichtnuklearen sehen, solange kein verbindliches Papier auf dem Konferenztisch liegt, keinen Anlaß, ihre Bedenken ins Blaue hinein zu formulieren. Die Konferenz wird sich in die Länge ziehen.

Obendrein aber hat sich in den letzten Tagen der Eindruck verdichtet, daß der Genfer Völkerbundpalast nur ein Nebenschauplatz des weltweiten Abrüstungsdramas ist. Die entscheidenden Vorgänge spielen sich anderswo ab: hinter den Kulissen der Macht in Washington und Moskau. Und die große Debatte dreht sich in beiden Hauptstädten nicht um das Stichwort Nonproliferation, sondern um das Thema Rdketenabwehr. Am Potomac wie an der Moskwa ist ein erbittertes Tauziehen im Gange – zwischen denen, die den Aufbau teurer Anti-Raketen-Systeme (ABM = anti-ballistic missile) befürworten, und jenen, die alle Argumente militärischer und wirtschaftlicher Vernunft dagegen aufbieten.

Wenn jedoch die ABM-Anhänger sich durchsetzen, dann hat der Atomsperrvertrag keine Chance mehr. Die nichtnuklearen Staaten müßten sich verhöhnt fühlen, wenn man von ihnen zur gleichen Zeit eine Unterschrift verlangte, da die Atomgiganten eine neue Runde des Wettrüstens einläuteten; und viele von ihnen würden dann darauf bestehen, sich durch keinen Vertrag die Möglichkeit versperren zu lassen, eigene Defensivsysteme zu entwickeln. Das mindeste, was sie sich als Gegenleistung für ihre nukleare Askese verlangen können und verlangen werden, ist dies: daß die Supermächte, wo sie schon nicht wirklich abrüsten, doch wenigstens nicht noch weiterrüsten.

McNamara und Johnson predigen, was die Anti-Raketen-Raketen angeht, seit Monaten Vernunft. Sie wissen: ein „dichtes“ Abwehrnetz würde rund 160 Milliarden Mark kosten, ohne je hundertprozentige Wirksamkeit zu versprechen. Sie möchten am liebsten ganz die Finger davon lassen und sich auf eine Verstärkung ihrer jetzigen Raketenmacht beschränken – ganz gleich, was die Russen tun. Aber sie kämpfen einen fast aussichtslosen Kampf, seitdem bekanntgeworden ist, daß die sowjetische Raketenabwehr schon über die erste Aufbauphase hinaus gediehen ist. Eine starke Kongreßfraktion argumentiert, es dürfe der amerikanischen Bevölkerung nicht ein ähnlicher Schutzschirm verwehrt werden, wie ihn der Kreml den 220 Millionen Sowjetmenschen bereite. Die Stabschefs stoßen in dasselbe Horn; alle Militärs wollen nun einmal über das gleiche Handwerkszeug verfügen wie der potentielle Gegner.

Die Appelle Johnsons, die Großmächte sollten doch beide auf die Schaffung einer Raketenabwehr verzichten, die nur höhere Kosten verursache, ohne am Ende größere Sicherheit zu verbürgen, ist in Moskau bisher auf taube Ohren gestoßen. Doch auch in der Kremlführung scheinen die Ansichten auseinanderzugehen. Dafür spricht, daß Mitte Februar ein Prawda-Artikel, demzufolge Kossygin Gesprächen über ein ABM-Moratorium nicht abgeneigt sei, prompt desavouiert wurde; und dafür spricht ferner ein in den letzten Tagen verdeckt, aber unmißverständlich ausgetragener Disput innerhalb der sowjetischen Generalität.

Marschall Kurotschkin, Leiter der Frunse-Militärakademie, brüstete sich: „Wenn Raketen fliegen, werden sie nicht in Moskau ankommen.“ Marschall Gretschko, stellvertretender Verteidigungsminister, erklärte dagegen: „Die moderne Luftabwehr gewährleistet dem Lande eine verläßliche Vernichtung jedes Flugzeugs und vieler Raketen.“ Der Chef der sowjetischen Zivilverteidigung, Marschall Tschuikow, wurde noch deutlicher: „Leider gibt es noch keine Mittel, die unseren Städten und wichtigsten Objekten völligen Schutz vor den Schlägen der gegnerischen Massenvernichtungswaffen böten.“