Von Werner Richter

Maurice Baumont: Briand. Musterschmidt Verlag, Göttingen; 90 Seiten, 5,80 DM.

In einer knappen, verständigen und verständlichen Biographie schildert Maurice Baumoni, Professor an der Sorbonne, das Leben Aristide Briands, der das Glück hatte (aber ist es wirklich ein Glück?), daß stets die Hoffnungen hilfs- und schutzbedürftiger Mitmenschen sich auf ihm vereinten.

Als Kind zart und schwach, so daß Tuberkulose gefürchtet wurde, wuchs er in sehr beengten Verhältnissen auf, studierte mit Hilfe kärglicher Stipendien, war Hilfsarbeiter bei einem Anwalt und wurde mit vierundzwanzig Jahren selbst als solcher in Nantes zugelassen. Er fühlte sich anfangs als radikaler Sozialist – einer der wenigen französischen Sozialisten, die nicht aus der Bourgeoisie stammten, sein Vater betrieb eine Hafenkneipe mindersten Ranges. Der jugendliche Briand hegte den üblichen Irrglauben an das angeborene Recht jedes Menschen auf irdisches Glück, um das nur die Bosheit der Zeitgenossen ihn betrüge. Unbestritten war der Glanz seines Rednertalents, seiner orgeltönigen Stimme, die man „wie ein Balsam“ nannte. Er gewann sich eine große Klientel, landete aber, trotz aller Radikalismen, allmählich doch bei den „ministeriellen“ Sozialisten Jaurès, Millerand, Viviani.

Langsam, geduldig, allem Lärm abgeneigt, wurde er vierzig Jahre alt, ehe er ins Parlament einziehen konnte, wo er wiederum lange zu warten hatte, ehe er 1902 zum erstenmal Minister wurde: es kam auf ihn, als Innenminister die banal plumpen Kirchengesetze Combes’ durchzuführen, mit einem Höchstmaß von Geduld, Toleranz, Takt. „Fest sein“, sagte er 1906, „bedeutet nicht notwendigerweise, auch gewalttätig sein.“ Er wurde in der Folge vierundzwanzigmal Minister, zehnmal Ministerpräsident. Auch während des Krieges 1914 gehörte er wiederholt den Kabinetten an. Er war hier fehl am Platze. Mit angeborenem Suchen nach Ausgleich gewinnt man keine Schlachten. Erst Clemenceaus harter Wille mußte kommen, um dem nicht minder harten Griff Ludendorffs den Sieg zu entreißen.

Nach dem Kriege erst begann Briands große Zeit, die ihn aus einer Nebenfigur der französischen Parlamentsgeschichte eine Zeitlang zu einer Säule der Weltgeschichte machte. So wie er in seiner Jugend Anwalt der Recht- und Friedlosen gewesen war, so klammerten sich nun an ihn, den Apostel der Menschlichkeit, die Hoffnungen aller derer, die die Höllentäler des Krieges zu durchschreiten gehabt hatten, jene vernunftbegabten Wesen, für die die Menschen sich selbst und daher den Krieg für abschaffbar hielten.

Ein glücklicher Zufall fügte es, daß auf der Gegenseite, in Deutschland, der leitende Staatsmann Stresemann ähnlichen Gedankengängen zugänglich geworden war. Und ebenso wie Briand sich von der radikalen Linken zu mittlerer Bourgeoisie hindurchgefunden hatte, so hatte Stresemann den gleichen Weg in umgekehrter Richtung zurückgelegt; Berliner Kleinbürgertum entstammend, beim Kriegsbeginn extremer Nationalist, ließen ihn doch die rationalen Erwägungen, denen er sich in den folgenden Jahren nicht verschließen konnte, in der gleichen Mittelbürgerlichkeit landen, in der Briand nun beheimatet war. Immer noch grundsätzlich gegensätzliche Naturen, vereinte sie dennoch der brennende Wunsch, die sinnlose „Erbfeindschaft“ abzubauen, zu der ihre Völker sich immer wieder aufputschen ließen.