Von Dietrich Strothmann

Der Bahnhof sah so freundlich aus, wie der Bahnhof einer Kleinstadt aussehen muß. Er hatte Fenster mit bunten Vorhängen und grünen Läden. An den Türen stand "Bahnhofsvorstand" und "WC" und "Erste Hilfe" (mit dem Zeichen des Roten Kreuzes). Es gab auch zwei Wartesäle, einen für die "Erste Klasse", den anderen für die "Zweite". An einem Haken über dem vergitterten Fahrkartenschalter hing ein Schild "Geschlossen". Daneben gab eine Tafel Auskunft über die Abfahrtzeiten der Anschlußzüge. Und oben, in der Giebelmitte des Gebäudes, zeigte eine Uhr die Zeit an.

Pro Tag, so hatte es die Bahnverwaltung ausgerechnet, waren auf diesem freundlichen Bahnhof drei Züge angekommen, mit zusammen 10 000 Menschen. Von Anfang 1942 bis zum Oktober 1943 waren es über 700 000 Passagiere gewesen. Sie stiegen hier aus – und kehrten niemals wieder zurück. Denn ihre Endstation hieß Treblinka, ein winziges Nest in der Nähe der großen Eisenbahnlinie Warschau–Bialystok.

Treblinka war damals, neben Sobibor und Belzec, ein Vernichtungslager für die Juden aus dem Warschauer Getto, aus Griechenland, Österreich, Holland und Deutschland. 700 000 stiegen auf dem Bahnhof aus den Viehwaggons und wurden in die Gaskammern getrieben. 1943 besuchte Heinrich Himmler Treblinka und lobte den Lagerführer Franz Paul Stangl für seine "einmalige" Leistung. Ein späterer Chronist dieser Massenmordstätte, der Franzose Jean-François Steiner, schrieb über Himmlers Visite: "Unter Treblinkas Boden lagen zu dieser Stunde siebenhunderttausend Leichen, ein Gewicht von ungefähr fünfunddreißigtausend Tonnen und ein Volumen von neunzigtausend Kubikmetern. Fünfunddreißigtausend Tonnen entspricht dem Gewicht eines Panzerkreuzers. Neunzigtausend Kubikmeter – das ist ein viereckiger Turm von neunhundert Meter Höhe und zehn Meter Breite."

Zu Stangls "einmaliger" Leistung gehörte auch der so friedlich anmutende Provinzbahnhof. Eine Attrappe. Die Türen mit den Aufschriften, die Fenster mit den Vorhängen, der Kartenschalter mit dem Gitter – alles nicht echt. Sie waren perspektivisch getreu gemalt. Das ‚Rote Kreuz‘ war eine Lüge, und die Uhr aus Holz. Die Zeiger standen fest: drei Uhr.

Die Juden, die hier ankamen und ausstiegen, sollten glauben, sie würden am Leben bleiben, kämen in ein Arbeitslager. Noch vor Treblinkas Gaskammern sollten sie denken, daß ihnen nichts Böses geschähe. Vor einem der Todestore hing ein Vorhang aus einer Synagoge. Darauf stand in hebräischer Schrift: "Dies ist das Tor, durch das die Gerechten eingehen." Nur zwanzig Monate lief Treblinkas Todesfabrik auf vollen Touren. Aber Franz Paul Stangl, Lagerchef vom August 1942 bis August 1943, erfüllte dennoch sein Plansoll. Er war ein Meister des Todes.

Vierundzwanzig Jahre später, in der vergangenen Woche, wurde derselbe Franz Paul Stangl verhaftet, als er gerade seinen Arbeitsplatz, das Automobilwerk "Volkswagen do Brasil bei Sao Paulo, verlassen wollte. Er war völlig überrascht. Damit hatte er nicht mehr gerechnet. Ein ehemaliger Gestapo-Mann hatte dem Eichmann-Jäger und Leiter des Jüdischen Dokumentationszentrums in Wien, Simon Wiesenthal, den brasilianischen Unterschlupf Stangls verraten – für 700 000 Cents, pro toten Juden einen US-Cent. Gegen den geflüchteten ehemaligen SS-Hauptsturmführer liegen Haftbefehle in Wien und Düsseldorf vor. Österreich und die Bundesrepublik haben von den brasilianischen Behörden seine Auslieferung verlangt. Ihm wird die Ermordung von 700 000 Juden zur Last gelegt.