Mainz

Ortskundigen Bundesbürgern, die etwa von Oberotterbach aus einen Spaziergang durch die südliche Pfalz machen möchten, ist anzuraten, den Personalausweis in der Tasche zu tragen. Sonst könnte es mitunter geschehen, daß sie – obgleich sie sich noch mitten in Deutschland wähnen – aus Gründen der Nationalität in arge Bedrängnis geraten.

Denn eine knappe Viertelstunde westlich des deutschen Weintors von Schweigen erstreckt sich die „zweite Oder-Neiße-Grenze“, die (wie Landkarten noch heute ausweisen) „deutsches Gebiet unter vorläufiger französischer Verwaltung“ von der Bundesrepublik trennt. Das Land, das die Bezeichnung „Mundatwald“ trägt, ist genau 6,9 Quadratkilometer groß und gilt seit Jahren im Paradies der deutsch-französischen Freundschaft als Zankapfel.

Der Mundatwald hat im Deutschland der Nachkriegszeit seine eigene Geschichte. Von dem Tage an, da im April 1949 der französische General Pierre König eine Anzahl massiver Pflöcke in den Boden rammen ließ und auf solche Weise den Gebietsanspruch seiner Nation markierte, gibt es in den nachbarschaftlichen Beziehungen beider Länder „ein Problem mehr“. Denn statt des wertvollen Wassers, das König mit jener Maßnahme für das Elsaß sicherstellen wollte, ist aus den zahlreichen Quellen des Mundatwaldes fast nur böses Blut geflossen.

Eigentlich hatten die Weißenburger Franzosen das umstrittene, für ihre Wasserversorgung bedeutsame Gebiet im Zuge eines Friedensvertrages erwerben wollen. Da der auf sich warten läßt, versteiften sie sich in Sachen Mundatwald auf den Status quo und beharrten auch auf dieser Entscheidung, als am 27. Oktober 1956 die Verträge für Saar, Mosel und Oberrhein die sogenannten großen Streitfragen regelten.

Sehr gelegen kam in diesem Zusammenhang den Weißenburgern ein Vorstoß der Mainzer Staatskanzlei im Jahre 1962 in Paris. Die Franzosen boten geschwind eine Lösung an: Wenn Rheinland-Pfalz die grenznahen Äcker und Weinberge zurückerhalten wolle, so befanden sie, müsse auf den Schutz des Artikels 7 des Deutschland-Vertrages verzichtet und der Mundatwald bereits jetzt abgetreten werden. Als Bonbon boten die Verhandlungspartner den Mainzern die in Paris stehende und ebenfalls sequestrierte Christus-Kirche an.

Nachdem auf solcher Grundlage am 31. Juli 1962 in Paris ein Abkommen paraphiert war, erhob sich ein Sturm der Entrüstung. Ein eigens ins Leben gerufenes „Mundatwald-Kuratorium“ glaubte, aus der „böse verklausulierten Abmachung Lug und Trug freilegen“ zu können: Um das gesamtdeutsche Gesicht halbwegs zu wahren, so schalten die aufgebrachten Vaterlandsverteidiger das Auswärtige Amt, werde versucht, eine echte Gebietsabtretung als schlichte Grenzberichtigung darzustellen. In der Tat ragt der von französischen Zöllnern besetzte Mundatwald wie eine überdimensionale Nase de Gaulles in die deutschen Lande.