Aachen

Vor vierzehn Tagen kam vom neuen Kölner Generalstaatsanwalt Franz Drügh an das Düsseldorfer Justizministerium ein inhaltsschwerer Brief. Obwohl über dieses Schriftstück Stillschweigen bewahrt wird, glauben viele Düsseldorfer Juristen seinen Inhalt zu kennen. Unter dem Aktenzeichen "4 Js 987/61 gegen Wirtz und andere (Contergan-Verfahren)" soll Drügh darin dem Justizminister vorschlagen, gegen eine Reihe leitender Mitarbeiter der Chemie Grünenthal GmbH in Stolberg bei Aachen ein Strafverfahren wegen fahrlässiger Körperverletzung zu eröffnen.

Doch der nordrhein-westfälische Justizminister Dr. Josef Neuberger, der nach der Strafprozeßordnung in "Strafsachen von übergeordneter Bedeutung" über die Anklageerhebung zu entscheiden hätte, wird sich mit diesem Fall nicht befassen. Der Minister war nämlich bis zu seiner Berufung zum Justizminister im Dezember vorigen Jahres der Anwalt des Hauptbeschuldigten im Contergan-Verfahren, des geschäftsführenden Gesellschafters Hermann Wirtz. Einen Tag nach seiner Ernennung zum Minister wies Neuberger alle Mitarbeiter des Justizministeriums an, daß alle Vorgänge, die aus seiner – nun unter Leitung des Sozius Dr. Pick arbeitenden – Anwaltspraxis an das Ministerium gelangen, direkt dem Staatssekretär zuzuleiten seien.

Staatssekretär Freiherr von Münchhausen wird deshalb gemeinsam mit einem anderen Kabinettsmitglied die Entscheidung in der Contergan-Sache fällen. In einer Woche soll das Ergebnis mitgeteilt werden. Nach allem, was bisher über die Ermittlungen der Aachener Staatsanwaltschaft bekanntgeworden ist, besteht freilich über diese Entscheidung kein Zweifel mehr: Der Contergan-Prozeß findet statt.

Die Contergan-Tragödie begann vor zehn Jahren. Damals, im Jahre 1957, brachte die Firma Grünenthal unter dem Slogan "völlig ungefährlich und absolut unschädlich" ihr neues Schlafmittel auf den Markt. Die unzureichenden Richtlinien für Arzneimittel – ein Arzneimittelgesetz gab es zu dieser Zeit in der Bundesrepublik überhaupt nicht – machten es möglich, daß Contergan in den Handel gelangte und ohne Rezept vertrieben wurde. Dagegen kannten Frankreich, die USA und auch die DDR bereits in jenen Jahren weit strengere Arzneimittelvorschriften. In diesen Ländern durfte Contergan nie verkauft werden, da für sie die Frage der "Giftigkeit" des Mittels nicht ausreichend geklärt war.

Vier Jahre nachdem das Contergan eingeführt worden war, und die ersten Fälle von Nervenschädigungen auftraten, wurde das Mittel endlich in einigen Ländern, wie Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg, rezeptpflichtig.

Im Herbst 1961 war es dann schließlich der Hamburger Professor für Kinderheilkunde, Widukind Lenz, der auf einem medizinischen Kongreß erstmals auf die Zusammenhänge zwischen dem Beruhigungsmittel Contergan und einer plötzlichen Häufung von Mißbildungen bei Neugeborenen hinwies. Lenz verhandelte daraufhin zweimal mit Vertretern der Firma Grünenthal, auch unter Hinzuziehung eines Vertreters der Hamburger Gesundheitsbehörde, um die Stolberger Firma zu bewegen, ihr Präparat zurückzuziehen. Zunächst ohne Erfolg. Auch als sich das zuständige nordrhein-westfälische Innenministerium einschaltete, beharrte die Chemie Grünenthal auf ihrem Standpunkt. Anfang November 1961 gelangten schließlich die ersten alarmierenden Informationen über Contergan in die Presse. Am 26. November zog die Firma Grünenthal ihre umstrittenen Tabletten aus dem Handel.

Eine Anzeige aus Schleswig-Holstein, die zuständigkeitshalber an die Aachener Staatsanwaltschaft abgegeben wurde, löste schließlich die Ermittlungen gegen die Firma Grünenthal aus. Am 1. Dezember 1961 wurde die Akte "gegen Wirtz und andere" angelegt.

Auf drei Fragen konzentrierten sich die Untersuchungen von Staatsanwalt Dr. Josef Havertz: Hat das Schlaf- und Beruhigungsmittel Contergan, während der kritischen Periode der Schwangerschaft von der Mutter eingenommen, bei den Neugeborenen körperliche Mißbildungen hervorgerufen? Wurde das Arzneimittel von der Herstellerfirma vor dem Vertrieb ausreichend auf schädigende Nebenwirkungen geprüft? Hat sich Chemie Grünenthal richtig verhalten, als erste Nebenwirkungen bekannt wurden und Contergan rechtzeitig aus dem Handel gezogen?

Zusammen mit einer siebenköpfigen Sonderkommission des Landeskriminalamtes hat Staatsanwalt Havertz vier Jahre lang einen Aktenberg von über 700 000 Blatt Papier durchgearbeitet und über tausend Zeugen, darunter mehr als hundert Wissenschaftler, gehört. Im November 1965 waren seine Ermittlungen abgeschlossen. Dann machten die Beschuldigten, unter ihnen die Leiter der Abteilungen Forschung und Vertrieb, sowie einige Chemiker und Mediziner der Firma, Gebrauch von ihrem Recht auf Schlußgehör. Wieder verging fast ein Jahr. Erst im Oktober 1966 konnte Staatsanwalt Havertz mit der Formulierung seiner "abschließenden Verfügung" beginnen.

"Ich glaube", so resümiert der Staatsanwalt, "wir haben alles geklärt." Allein vierhundert Einzelgutachten sollen beweisen, daß neun Monate nach der Zurückziehung von Contergan jene spezifischen Mißbildungen aufgehört haben, die dem Mittel zugeschrieben werden. "Wir haben jedenfalls keinen einzigen derartigen Fall gefunden, es sei denn, die Mütter hatten noch Contergan-Tabletten in ihrem Besitz." Auch die englischen Forschungen über Thalidomid, auf dem Contergan basiert, und die angeblich beweisen, daß diese Substanz vielmehr Kinder mit schon vorhandenen Fehlanlagen am Leben erhalte, irritieren Dr. Havertz nicht. "Wir haben sämtliche Ordinarien aller deutschen Fakultäten der Pharmazie gehört. Was in einigen Gutachten steht, übertrifft sogar unsere Vermutungen."

"Die Staatsanwaltschaft wird sich noch wundern", ließ dagegen die Chemiefirma im Hinblick auf die Sachverständigenschlacht verlauten, die nach Eröffnung des Hauptverfahrens im backsteinroten Landgerichtsgebäude von Aachen zu erwarten ist. "Man weiß bis heute noch nicht, welche Elemente zu embryonalen Mißbildungen führen", erklärte Dr. Günther Sievers, der seit fünf Jahren bei der Chemie Grünenthal über Zusammenhänge zwischen Contergan und Mißbildungen forscht. "Wir verneinen daher, daß Contergan bei den verkrüppelten Kindern als ausschließlicher Grund für die entsetzliche Entstellung angesehen werden soll."

Da für die Contergan-geschädigten Kinder in der Bundesrepublik keine Registrierpflicht besteht, tappen alle offiziellen Stellen über ihre tatsächliche Zahl nach wie vor im dunkeln. Bekannt ist lediglich, daß zwischen 1965 und 1970 2110 "Contergan-Kinder" schulpflichtig werden. "Wir müssen aber mit 4000 bis 5000 ‚Contergan-Kindern‘ rechnen", meint Staatsanwalt Havertz, "denn viele sind ja kurz nach der Geburt verstorben."

Wenn die Entscheidung im Düsseldorfer Justizministerium gefallen ist, werden freilich noch einige Monate ins Land gehen, bis der Prozeß tatsächlich beginnt. Ein halbes Jahr wird das Gericht mindestens benötigen, um seinerseits den Aktenberg zu studieren. Alle Beteiligten rechnen sodann mit einem Mammutverfahren von über einem Jahr Dauer. Sollte es mit einem Schuldspruch enden, dann erst könnten die Eltern der "Contergan-Kinder" ihre Schadenersatzansprüche auf dem Zivilwege gegen die Firma Grünenthal verfolgen. Über siebzig solcher Verfahren wurden bis zur Aachener Entscheidung ausgesetzt.

Ferdinand Ranft