Den Engländern wird vorgeworfen – nicht ganz mit Recht –, daß sie nichts von der Küche verständen. Um so mehr sollte man ihnen Kredit für ihr exquisites Wissen um die Bereitung von Getränken zubilligen. Sie verstehen etwas vom Wein, sie haben sogar gelernt, ihr Bier zu kühlen, falls es der Kunde verlangt. Vor allen Dingen verstehen sie, dem Gast Getränke zu kredenzen, die in den Tropen ihrenUrsprung haben, in England jedoch auf eine Weise serviert werden, die nicht zu einer Magenerkältung führt, wie dies so oft in Amerika der Fall ist, wo so viele, reizvolle Getränke „on the rock“ gereicht werden, das heißt mit Eiswürfeln, die jedem Getränk seinen Geschmack nehmen.

Pimm’s ist in England ein kühlendes Getränk, das in den letzten Jahren erheblich an Popularität gewonnen hat, ohne bisher bemerkenswerte Fortschritte in den Bars des kontinentalen Festlands gemacht zu haben. Es gibt sechs Varianten von Pimm’s ‚das ganz einfach nach dem Hersteller genannt worden ist und heute sogar als Konserve erhältlich ist. Pimm’s ist ein „sling“,und „sling“ wiederum ein Slang-Ausdruck für ein gekühltes Getränk aus Gin, Wasser, Zucker und Zitronensaft. Aber so einfach ist Pimm’s Geheimnis auch wieder nicht. Ein amerikanischer Cocktail-Führer verlangt zu einem „sling“ Limettensaft, Cherry Brandy, Gin, Eis, Sodawasser, Apfelsine, Minze, sowie Benediktiner und Brandy, „die tropfenweise durch einen Augentröpfler hineingemischt werden müssen“. In England ist die Zubereitung von Pimm’s wesentlich einfacher, zumal ja bekanntlich ein Augenträufler dann nicht zur Hand ist, wenn man ihn benötigt.

Die Beliebtheit von Pimm’s No. 1 übertrifft den Konsum der anderen fünf Varianten. Tatsächlich steht die genaue Mischung von Gin, Soda und Fruchsäften auf der Flasche. Wichtig ist eine Scheibe Zitrone, etwas Rinde einer sauren Gurke und ein Büschel Minze oder Gurkenkraut (Boretsch), das etwa 15 Minuten im eisgekühlten Getränk eingetaucht bleiben muß. Im Frühjahr kann man es auch mit Waldmeister versuchen.

Pimm’s No. 2 ist die gleiche Mischung, nur daß schottischer Whisky den Gin ersetzt und dadurch diesem Getränk einen männlichen Charakter verleiht. Pimm’s No. 3 hat Kognak zur Grundlage, eine etwas fragwürdige und durchaus persönliche Angelegenheit. Anstatt von Fruchtsaft ist hier Ingwerbier als typisches Aroma zu empfehlen. Pimm’s No. 4 ist der berühmte „rum sling“, von exotischem Geschmack und entsprechendem Charakter. Eisgekühlt ist er ein herrliches Sommergetränk. Er wird zum winterlichen Schlummertrunk, wenn man den Limettensaft durch heißes Wasser ersetzt und später, je nach Geschmack, Zitrone und Zucker hinzufügt. Pimm’s No. 5 ist kaum ein europäisches Getränk, da es im wesentlichen aus Roggenwhisky aus Kanada besteht. Die letzte Variante von Pimm’s ist eine Konzession an den zeitgenössischen Geschmack. Die Basis ist hier Wodka. Das ist also Pimm’s No. 6...

Wer mit Pimm’s experimentieren will, hat hier ungezählte Möglichkeiten, dem eigenen, snobistischen Geschmack freien Lauf zu lassen. Nur sollte man keineswegs die fürchterliche Maraschino-Kirsche dazugeben, eine Beleidigung des guten Geschmacks, die mich stets an einen abstoßend vulgären Kranz auf dem Grab eines besonders nahestehenden Menschen gemahnt. Pimm’s ist keineswegs ein Apéritif, ein Gaumen reizer, den man vor dem Essen nimmt – es ist der Höhepunkt eines langen, heißen Sommernachmittags, wenn man entweder selbst Tennis gespielt oder der Familie bei der Gartenarbeit zugeschaut hat. Die Verwendung von Gurkenkraut ist überdies von prophylaktischem Wert, denn alte Kräuterweiber haben stets verkündet, daß es gut gegen Melancholie sei und den Trinker glücklich mache. Alex Natan