Donnerstag, 9. März, 20.15 Uhr, 1. Programm: "Der Prozeß der Jeanne d’Arc zu Rouen 1431"

Peter Palitzsch, dieser sehr begabte Regisseur, dessen Stuttgarter Shakespeare-Inszenierung gerade jetzt die Geister bewegt, hat den Prozeß der Jeanne d’Arc zu Rouen 1431, das einem Hörspiel von Anna Seghers folgende Brecht-Stück, schon vor vier Jahren in Bremen einstudiert. Er kennt seinen Lehrmeister gut, aber er kopiert ihn nicht, sondern übernimmt nur gewisse Grundpraktiken, die sich auch heute noch als nützlich erweisen: das Achten auf den gesellschaftlichen Gestus etwa, der im Fall der Johanna, wie Brecht sagte, aus der Interessengemeinschaft von Besatzungsmacht und kollaborierendem Klerus besteht.

Diese schmutzige Kumpanei zwischen englischen Eroberern und französischer Geistlichkeit mit aller Schärfe herauspräpariert zu haben, ist ein Verdienst der Pelitzschen Fernsehdarbietung, doch leider auch das einzige Verdienst. Ein schrecklicher Naturalismus – passabel vielleicht auf dem Theater, auf dem Bildschirm ganz unerträglich – ließ das Drama von der Ketzerin und Patriotin (der Schwester Galileis, auf die das Volk blickt und von deren Haltung die Veränderung der Welt abhängt) zu einem historischen Schauerstück im Stil unseliger Fridericus-Filme, zu einer Ballade nach der Art der Meininger werden.

Die Federn kratzten, es klirrten die Ketten, es raschelte nach Nibelungen-Zelluloid, und die Kulissen strotzten von Studio-Akkuratesse. Das Martergerät – wie eindrucksvoll, wenn allein Johannas Augen die Räder und Bolzen und Stifte dargestellt hätten! – wirkte komisch, ein Erzeugnis des Tischlersaals, so kunstfertig hergestellt wie die anderen Requisiten aus Pappe.

Die Schnitte – lang, lang ist der Lasterkatalog – hatten nur selten eine Funktion; die Zeit und nicht die Situation erzwang den Kamerawechsel; grelle Theater-Effekte, das Scheiterhaufen-Licht, der Hall, die wilde Nonnen-Litanei unterstrichen die Monotonie einer Inszenierung, die dem Brecht-Text gegenüber reichlich unbefangen war. Wohl dem, der mit Hilfe eines dtv-Bands den jähen Umschwung vom Beharren zum Widerruf (bei Brecht gibt es dergleichen nicht) in der neunten Szene zu rekonstruieren verstand: Man hatte (Anna Seghers’ Konzeption folgend?) die Aussagen vom 23. und vom 24. Mai 1431, die Erklärung nach der Verlesung der Schuldartikel und den Ausbruch während der Urteilsverkündung, miteinander verbunden und gerade dadurch die eigentliche Pointe verschenkt: Kein Wort der Stärke mehr in jenem Augenblick, da Johanna sich vom Volk verlassen glaubt!

Die Grundidee des Stücks, das Wechselspiel von solitaire und solidaire, trat nicht hervor; Johanna hörte zu spät auf, mutig zu sein. Psychologie ersetzte ein politisches Problem. Momos