Von Frilz J. Raddatz

Comicstrips sind älter als das Jahrhundert; Generationen in Amerika und dann auch in Europa sind mit ihnen groß geworden und haben ihre phantastischen Modellfiguren, ihre Fabel- und Märchenwesen aus ihnen bezogen, ihre Träume von ihnen prägen lassen. „Comics für Erwachsene“ – solche, die ihre sexuellen, sado-masochistischen Obsessionen nicht mehr verstecken, sondern sie üppig aufblühen lassen und sie gleichzeitig mehr oder weniger parodistisch distanzieren – sind dagegen noch sehr jung; dennoch besitzen sie bereits eine weltweite, fanatische Anhängerschaft. Es begann 1964 mit den außerweltlichen Aventüren der „Barbarella“, einer Erfindung des Parisers Jean-Claude Forest, die im September 1965 von der extravaganten amerikanischen „Evergreen Review“ übernommen und der Neuen Welt nahegebracht wurde. Kurz darauf ließ die „Evergreen Review“ die Abenteuer der „Phoebe Zeit-Geist“ (gezeichnet von Frank Springer, Texte von Michael O’Donoghue) beginnen, die bis heute kein Ende gefunden haben. Und 1966 brachte der auf diesem Gebiet sehr aktive Pariser Verleger Eric Losfeld die ambitionierteste Serie dieses Genres als Buch heraus, „Les aventures de Jodelle“, von ihren Liebhabern kurz „Jode“’genannt (gezeichnet von Guy Peellaert, Texte von Pierre Bartier), eine Pseudo-Monster-Horror-Spionage-Geschichte aus einem anachronistisch amerikanisierten antiken Rom. „Barbarella“ gibt es inzwischen auch in Deutschland als Buch (übersetzt von Joe Hembus, herausgegeben von Walther H. Schünemann im Carl Schünemann Verlag, Bremen; 18,– DM). An Apologeten fehlt es diesen Comicstrips nicht; wir haben Einwände.

Brutalität ist schick. Der sich ihr widersetzt, gerät in die Nachbarschaft des Oberregierungsrats a. D. Schilling oder seiner Godesberger Sittenprüfer – und wer hält sich da schon gern auf. Doch die Gefahr des Beifalls von der falschen Seite sollte so wenig hindern, die grassierende Subkultur der Comicstrips einer genaueren Untersuchung zu unterziehen wie, beispielsweise, zu sagen, daß der Vietnamkrieg ein verbrecherischer, profitbringender Raubzug ist.

Die neuen Heldinnen der westlichen Welt – Barbarella, Jodelle, Phoebe Zeit-Geist – sind Dienerinnen eines modischen snob appeal; entlaufene Vestalinnen, die ursprünglich einem dienen sollten: dem lesenden Analphabeten. Intellektuelle proklamieren neuerdings, sie amüsierten sich köstlich bei dieser qualvollen Langeweile, sie hielten für Kunst, was keine Form, und für witzig, was keinen Geist hat; Zeitgeist schon gar nicht.

In Paris wurde vor vier Jahren ein „Club für Comicstrips“ gegründet und ein „Centre d’Etude de Litterature d’Expression Graphique“; bei Pauvert wird die Hauszeitschrift dieses Studienzentrums Giff Wiff verlegt, zu deren redaktionellen Beratern Alain Resnais gehört wie Fellini und Queneau zum Comité de parrainage des Zentrums, das stolz zehn Auslandskorrespondenten aufführt, darunter solche aus Tahiti und Mexiko. Französische Ideologen versuchen, den Comicstrip als legitime Fortführung der ägyptischen Papyrusrollen, des antiken Reliefs, des Rolandsliedes oder der Gobelins auszurufen, als Kunst des einundzwanzigsten Jahrhunderts, die sich eben im Tarzan, dem König des Dschungels, verkörpere und nicht im Lancelot und im Gral.

Hier beginnen Anachronismus und Unsinn – nicht der gewollte Nonsens, sondern der Mangel an Sinnzusammenhang. Wieso sind „König“ und „Dschungel“ Inbegriffe des einundzwanzigsten Jahrhunderts? Was für eine abenteuerliche Industriedialektik, Kunstformen – ob Rolandslied oder Gobelin – die in Mittel und Ausdruck ihrer Zeit entsprachen, gegenüberzustellen einem Bild gewordenen ideologischen Schrumpfprozeß!

Die gewaltsame Reduktion auf bestimmte Topoi bedeutet fraglos eine Manipulation hin zum Akzeptieren dieser Topoi: Waffe und Gewalt, Weib und Geschwindigkeit, Mann und Jagdtier (Hai, Hirsch oder Drache). Die Möglichkeit, ja Notwendigkeit zur Differenzierung unserer modernen Welt bleibt ausgeschaltet, ihre Versatzstücke allenfalls als Gerätschaft eines banalen Anachronistenwitzes herbeigeholt: Telefon, Schreibmaschine, Helikopter. König und Königin (beziehungsweise Prokonsuln) brauchen indes sowohl der Autor von Barbarella wie die Autoren von Jodelle; denn das sind unreflektierte Machtmodelle – ein Ministerpräsident oder ein moderner Diktator setzte Kausalitäten voraus.