Von Kai Hermann

Leipzig – grau gepudert mit Ruß und Staub.Grell geschminkt mit Fahnen und aber Tausend Fähnchen. Die Schornsteine der sächsischen Industriemetropole rauchen. Die sozialistischen Straßendekorateure schneiderten bröckelnden Fassaden und blanken Glasbetonwänden Miniröcke aus buntem Tuch.

Die sächsischen Jungfrauen hatten die Kleidersäume umgenäht. Alternde Dirnen und brandneue Wartburg-Taxis waren aus der ganzen Republik zusammengeströmt. Leipzig empfing die Welt zur Frühjahrsmesse 1967. Mit Weltniveau.

Comic-Blasen gleich stieg von Ausstellungsständen und aus Schaufenstern dem Betrachter die Beteuerung entgegen: "International anerkannt." So priesen sich an: gigantische Kräne, Transformatoren, tote Aale in Aspik, Ulbricht und Stoph, halbe Schiffsrümpfe und die ganze DDR. Selbst pastellfarbene Synthetik-Dessous mochten da nicht zurückstehen, ließen ihre Anerkennung auf blauem Schildchen verkünden und versprachen zugleich, für den VII. Parteitag zu kämpfen. Das warb, protzte, bettelte ...

Bundesbürger ließen wohlgefällig ihre Autos bestaunen, erkauften Parkplätze, devote Bücklinge und alles, was sie wollten, mit "Ernte" oder "HB". Grölten des Abends durch die Altstadt-Gassen, und taten ihr Mitleid brutal den Gastgebern kund.

Familien aus Mecklenburg und Thüringen kamen zur Messe, um zu staunen und stolz zu sein. Vor den astronomischen Apparaturen aus Jena, die auch ohne Schildchen wieder weltbegehrt sind, wunderte sich ein Väter mit seinem Sohn, was die kleine DDR trotz allem schafft. Und den Stolz ließen sich viele weder von den zu prahlerischer Parole gewordenen Minderwertigkeitsgefühlen der Partei noch vom Dünkel der westdeutschen Vettern abkaufen.

Leipziger Messe – das ist auch und noch immer gesamtdeutsche Begegnung. Diese Begegnung ist anders geworden mit den Jahren. Leipzig ist nicht das Deutschland, das die Besucher aus Düsseldorf oder Hamburg kennen und meinen. Der Karlsruher oder Münchner ist nicht wie der Leipziger. Dennoch gab es auch wieder Umarmungen, Stunden der Euphorie, der Melancholie und der Sentimentalität in nächtelangen Gesprächen. Doch die Verständigung fällt schwerer und schwerer. Das "Wir-sind-doch-alle-Deutsch" ist zur brüchigen Brücke geworden.