Von Werner Höfer

Zwei Tage lang war er der ständige Begleiter des amerikanischen Bonn-Besuchers William Forster, der aus Genf herangereist war, um in der verdrießlichen Debatte über Klauseln und Klippen eines künftigen Atomsperrvertrages zur Information der deutschen Partner einen Beitrag zu leisten und sich über deren Vorstellungen informieren zu lassen. Zuhörend, mitredend, vermittelnd hat Botschafter Dr. Swidbert Schnippenkötter das Seinige getan, damit diese deutschamerikanische Begegnung in der Bundeshauptstadt der Sache zum Nutzen gedeihe.

Bei dem schlanken Diplomaten läßt nicht einmal das Grauhaar darauf schließen, daß er seinen 50. Geburtstag schon hinter sich hat. Er widerlegt bereits durch Erscheinung und Auftreten, daß der Sohn einer kinderreichen Familie (zwei Brüder, fünf Schwestern) und geplagte Familienvater (gleichfalls, wie sein Großvater, drei Söhne, fünf Töchter) im härenen Gewand des Spießers herumlaufen muß.

Diplomat alter Schule kann er – aus Altersgründen – nicht sein; Diplomat bester Schule ist er gewiß. Im kanadischen Kriegsgefangenenlager, nachdem er bei El-Alamein in Gefangenschaft geraten war, konnte er die juristischen und – linguistischen Vorstudien für seinen künftigen Beruf aufnehmen. Wenn er nun mit Abrüstung und Rüstungskontrolle befaßt ist, bringt er die Kompetenz dessen mit, der den Krieg kennt. Sogar vom Atom dürfte er mehr verstehen, als die Lektüre von Gutachten und Akten dem Interessenten vermittelt; sein Vater, einst Oberstudiendirektor am Essener Krupp-Gymnasium, hat ein Lehrbuch für den – freilich voratomaren – Physikunterricht geschrieben. Bei der Taufe seiner Kinder pflegte der Direktor die Geschichte der Heiligen deutscher Herkunft zu Rate zu ziehen: Elisabeth, Altfrid, Swidbert. Im Taufregister der Botschafterkinder erscheinen immerhin auch Namen aus dem romanischen Bereich, wie Imogen und Beatrix: christlich, aber supranational.

Wie jeder Diplomat, so ist auch Dr. Schnippenkötter nicht leicht zum Reden zu bringen, da er Schweigen für den besseren Teil seiner Tätigkeit hält. Dennoch braucht er nicht zu verschweigen, daß die Bonner Gespräche des amerikanischen Chefdelegierten von höherem Nutzen waren, als die dehydrierte Kommunique-Prosa erkennen ließ. Die Gefahr, daß die unartikulierte Verschiedenheit der Meinungen sich bis zu gravierenden Meinungsverschiedenheiten verfestige, erscheine gebannt. Man sei sich über die Motive klarer geworden, des Zögerns hier, des Drängens da, die auf beiden Seiten respektiert werden wollten. Der substantielle Gewinn der Gespräche sei die „Sicherung des Zeitbedarfs“ gewesen, um Klarheit in das Halbdunkel von Besorgnissen und Mißverständnissen zu bringen.

Gefragt, ob ein „Abrüstungsbeauftragter“ eine bundesdeutsche Spezialität sei, unternimmt Botschafter Schnippenkötter einen geschwinden tour d’horizon, der mit dem Ergebnis endet, daß es vergleichbare Positionen zumindest in Washington, London, Kopenhagen und Stockholm gibt, wenngleich der Status von Ort zu Ort unterschiedlich sei. Ohne Neid, aber mit Bewunderung gesteht der Kavalier aus der Koblenzer Straße:

„Den höchsten Rang hat man in Schweden für dieses Amt reserviert. Frau Alva Myrdal hat als Ministerin Kabinettsrang. Aber auch ohne diese institutionelle Hervorhebung und ohne den Vorzug, die Frau eines bedeutenden Mannes zu sein, würde die schwedische Vertreterin in Genf jedermanns Sympathie und Respekt auf sich ziehen – durch die vollkommene Integration von Charme und Intelligenz, von fraulicher Würde und...“