Von Lilo Weinsheimer

Bremen

Sie sprachen von Geschäften, blätterten in Akten und tranken Wein. Dann passierte in dem dichtbesetzten Restaurant, was ihren Abend beinahe ungemütlich gemacht hätte. Am nächsten Tisch schrie ein Mann auf, und ein anderer, der eben gekommen war, schrie auch. Jagende Satzfetzen, zwei Namen: „Adam“, „Alexander“, Umarmungen. Die Geschäftsfreunde registrieren die Szene nebenan mit diskretem Lächeln. Ihr Abend blieb gemütlich. Während zwei Menschen, vor Aufregung noch immer fast schreiend, etwas von „Tod“ und „Hölle“ und „Lager“ stammelten, ging im Restaurant alles seinen gewohnten Gang. An Lärm gewöhnte Ohren sind taub geworden für Dramatik.

Seit sieben Monaten kommen Juden aus aller Welt ins Bremer Überseehotel, um als Zeugen in einem Judenmord-Prozeß auszusagen. Der Prozeß wird gegen den ehemaligen SS-Obersturmführer Fritz Hildebrand geführt, der angeklagt ist, von 1942 bis 1944 im Raum Galizien sich an Massentötungen beteiligt zu haben. Wo immer in deutschen Städten Juden als Helfer der Gerichte erscheinen, erlebt, wer bei ihnen ist, Erregendes mit. Als Gast bei Juden in Amerika und in israelischen Kibbuzim habe ich diese Wirklichkeit nicht denken können: daß sie einmal zu Hunderten, zu Tausenden unsere Gäste in Deutschland sein würden. Neben ihnen erblassen die meist monoton leugnenden Angeklagten vollends zu grauen Schemen.

Im März 1967 reisten Adam Cybulewski aus Wien und Alexander Hauer aus Tel Aviv nach Bremen. Im polnischen Boryslaw waren sie einst miteinander zur Schule gegangen. Sie hatten das Inferno der SS überlebt, aber das wußte keiner vom andern. Im deutschen Hotel, in dem sie am Abend vor ihrer Vernehmung Quartier bezogen, standen sie sich nach23 Jahren gegenüber und feierten, was sie, weinend und lachend in einem Atemzug ihr „Wiedersehn nach dem Tod“ nannten.

Mit an diesem Tisch sind an diesem Abend Mosze Hendler aus Haifa, Leizer Melzer aus Ohio, Josef Hirsch aus New York und Alexander Hauers Ehefrau Ella. Dann kommt Frau Mestel dazu und alle fragen nach ihrem Mann, dem Israeli Josef Mestel, der nach seiner Aussage vor dem Schwurgericht zusammengebrochen war und nun schwerkrank in einer Bremer Klinik liegt. Als Frau Mestel hört, daß neben ihr am Tisch eine Journalistin sitzt, greift sie nach meiner Hand und sagt: „Bitte schreiben Sie hin, wir hatten furchtbare Angst vor dieser Reise, vor Deutschland. Aber im Gericht waren sie gut Zu uns, Ärzte und Schwestern sind gut zu uns. Bitte schreiben Sie: vielen Dank von uns.“

Fast alle, die bisher kamen – für diesen einen Prozeß mehr als zweihundert –, hatten diese Angst. Viele nehmen sie mit zurück. Sie machen ihre Aussage und reisen danach sofort wieder ab. Sie begründen es wie die Amerikanerin Hilde Berger: „Ich kann in diesem Land nicht atmen.“ Andere – es ist die Mehrzahl – suchen den Kontakt, das Gespräch. Im kargen Flur des Gerichtshauses, während sie warten, nehmen sie Kaffee oder einen Schluck Whisky von Mitgliedern der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, abends im Hotel sitzen sie mit Deutschen zusammen oder sind deren Gäste im Familienkreis.