Von Joshua Lederberg

"Er gehört zu den Leuten, die in einer Stunde hundert neue Ideen haben und sich später noch daran erinnern." So charakterisierte kürzlich ein amerikanischer Biologe seinen berühmten Kollegen Joshua Lederberg, der für seine bahnbrechenden Entdeckungen auf dem Gebiet der Genetik im Jahre 1958 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Der 42jährige Ordinarius für Genetik und Biologie an der Stanford-Universität in Kalifornien ist davon überzeugt, daß es auch zu den Aufgaben eines Wissenschaftlers gehört, die Öffentlichkeit über die Probleme und Ergebnisse der modernen Forschung zu unterrichten. Überdies, so meint er, müsse der Forscher an der Diskussion über die gesellschaftlichen Konsequenzen neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse teilnehmen. Professor Lederberg geht hier mit gutem Beispiel voran. Er wird künftig an dieser Stelle in ziemlich regelmäßiger Folge schreiben.

er Mechanismus der menschlichen Reproduktion arbeitet keineswegs fehlerfrei. Selbst unter denkbar günstigen Umweltbedingungen und sorgfältiger vorgeburtlicher Pflege führt auch heute noch immer eine von sechs Befruchtungen nicht zur Geburt eines Menschen. Freilich würde sich ein großer Teil dieser vom mütterlichen Organismus vorzeitig abgestoßenen Föten zu erheblich mißgebildeten Individuen entwickeln – so bewahrt uns die Natur in vielen Fällen vor dem schmerzlichen Schicksal, für ein verstümmeltes Wesen sorgen zu müssen, durch das weitaus weniger schmerzvolle Ereignis einer Fehlgeburt.

Welche Gründe derartige biologische Verirrungen haben, ist uns noch weitgehend unbekannt. Indessen wissen wir, daß einige davon etwas mit der Chromosomen-Garnitur zu tun haben. Ungefähr ein Viertel der nicht ausgetragenen Embryos und schätzungsweise ein Prozent der lebend Geborenen lassen in ihren Körperzellen Chromosomen-Aberrationen erkennen: In den Zellkernen findet man zum Beispiel Chromosomen, die verformt sind oder drei Chromosomen eines Typs, der normalerweise nur paarweise vorhanden ist; manchmal fehlt ein Chromosom gänzlich, manchmal nur ein Teil davon.

Solche Abweichungen von der Norm beschäftigen nicht nur den Mediziner, dessen Aufgabe es ist, die oft krankhaften Erscheinungsformen solcher Fehlleistungen der Natur zu behandeln. Diese Anomalien gewähren uns auch Einblicke in die Biologie des Menschen, und wir beginnen, diese Einblicke zu deuten.

Im Jahre 1959 erkannte Dr. Jérôme Lejeune in Paris, daß die mongoloide Idiotie darauf beruht, daß die Körperzellen dieser Kranken statt eines Paares des Chromosoms mit der Kennzahl 21 drei solcher Kernschleifen enthalten. Damit begann in der ganzen Welt eine Großfahndung nach weiteren Chromosomen-Aberrationen, die ebenfalls mit krankhaften Syndromen im Zusammenhang stehen könnten. Hierbei stellten sich besonders häufig Unstimmigkeiten in der Ausstattung aller oder eines Teiles der Körperzellen mit den geschlechtsbestimmenden Chromosomen X und Y heraus.

Normale Frauen haben in den Kernen ihren Körperzellen zwei X-Chromosomen und normale Männer ein X- und ein Y-Chromosom Indessen gibt es Frauen mit mehr als zwei X-Chromosomen – diese Menschen sind in der Regel schwachsinnig und meistens unfruchtbar, und es gibt – ebenfalls schwachsinnige und soweit man es bisher weiß, unfruchtbare – Männer mit mehreren X- und einem Y-Chromosom. Eine dieser abnormen Chromosom-Kombinationen hat in letzter Zeit besondere Beachtung gefunden: der Typ XYY.