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Hintergründe einer großen Karriere

Von Adolf Metzner

Die beiden berühmtesten Deutschen unserer Zeit, so habe ich kürzlich gelesen, seien Adenauer und Herberger. Dann wurde eine Reihe von Gemeinsamkeiten aufgezählt. Das ging von den "einsamen Entschlüssen" bis zur Blumenliebhaberei, vom Rosenzüchter in Rhöndorf überm Rhein bis zum Gladiolenfreund in Hohensachsen an der Bergstraße.

Auch wenn man noch zwischen Bedeutung und Popularität unterscheiden kann, so bleibt die Volkstümlichkeit dieses Fußballtrainers, der am 28. März 70 Jahre alt wird, doch verblüffend, auch dann noch, wenn man die ungeheure Faszination des Fußballspiels im Zeitalter des Fernsehens in Rechnung setzt.

Bei Uwe Seeler, der außer Max Schmeling mit ihm in der Gunst der Menge rivalisiert, handelt es sich ja um einen Akteur, der im Scheinwerferlicht der Fußballbühne agiert, während Sepp Herberger doch der Kategorie der Regisseure zuzurechnen ist, die sonst in den Kulissen stehen.

Beim Fußball wird der Trainer aber von der Gloriole des Schlachtenlenkers illuminiert. Er wird zum Feldherrn, der zwar nicht auf seinem Hügel steht, aber am Spielfeldrand den Ablauf seiner strategischen Pläne verfolgt. Zu dem Manne auch, dem eine höhere Macht "Fortune" schenkt oder verweigert. Etwas von der Ära eines Bonaparte strahlte für die Massen dieser kleine Mann aus, der in ihren Augen das einmalige Kunststück fertig brachte, 1954 den nicht gesetzten Außenseiter Deutschland in der Schweiz zum Weltmeister zu machen, ein Kunststück, das, wie viele glauben, schon an Hexerei grenzte. Ein "Magico" wäre er also, wie die Italiener ihre Wundertrainer nennen?

Im Schatten der Schlote

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Betrachtet man aber den Lebensweg dieses Mannes, so wird etwas ganz anderes offenbar: Nämlich das, wie vielseitig und wie systematisch sich dieser Autodidakt von hohen Graden gebildet und ausgebildet hat. Herberger hat nicht nur, wie es so schön heißt, von der Pike auf gedient, mit dem Marschallstab im Tornister, er hat auch mit eiserner Zielstrebigkeit das aus sich gemacht, was erst die Voraussetzung für seinen großen Erfolg wurde.

Geboren wurde er als Sohn eines Arbeiters in Mannheim-Waldhof. Der Name klingt romantisch, der Vorort sah aber so trist aus, wie um die Jahrhundertwende fast alle solche Arbeitersiedlungen. Auf der anderen Seite des Rheins qualmten die Schornsteine der "Anilin" – der Badischen Anilin- und Sodafabrik, nur das Zentrum der ehemaligen kurpfälzischen Residenz mit ihrem ornamentalen barocken Grundriß und dem riesigen Schloß als Bekrönung präsentierte sich freundlicher.

Für viele Waldhof-Buben war auch schon vor dem Ersten Weltkrieg Fußball im Schatten der Schlote die ganze Seligkeit. Mit 14 Jahren bereits, also 1911, spielte der junge Josef Herberger in der Jugendmannschaft des SV Waldhof. In diesen Jahren hießen die großen Vorbilder: Förderer, Fuchs und Breunig. Diese besten deutschen Spieler saßen in Karlsruhe, das nicht allzu weit entfernt war.

Herberger, der sich als Mechaniker ausbildete, zeichnete sich nach dem Kriege als Verbindungsstürmer in der ersten Mannschaft. von Waldhof immer mehr aus, so daß er schließlich in die Nationalmannschaft berufen wurde. Dreimal, von 1921 bis 1925, war er "Internationaler", wie man damals sagte. 1924 wechselte er zum VfR Mannheim über. Als Knirps sah ich ihn damals zum ersten Male. Die Mannheimer kämpften um die Süddeutsche Meisterschaft gegen den "ruhmreichen" 1. FC Nürnberg, in dessen Reihen die Stuhlfauth, Popp, Riegel, Kalb, Träg, Sutor in ihren verwaschenen roten Trikots standen.

Herbergers Figur war nicht gerade imponierend, klein, mit typischen Fußball-O-Beinen. Aber sein Auftreten wirkte respektheischend. Meißner hieß damals der "Goalgetter" der Mannheimer, mit dem er ein "ideales Tandem" bildete. Vor überfüllten Stehterrassen wurden auf dem Platz an den Brauereien damals die Nürnberger 1 : 0 besiegt.

Ein Jahr später spielte Herberger in Berlin für Hertha BSC. Gleichzeitig bereitete er sich, schon 28 Jahre alt, in Abendkursen auf das Abitur vor. Sein Ziel war es, an der Deutschen Hochschule für Leibesübungen, die Carl Diem 1922 begründet hatte, zu studieren und Diplomsportlehrer zu werden. 1926/27 wurde er aufgenommen und 1930 legte er mit der Note "Sehr gut" seine Prüfung ab, die aus Praxis und Theorie, darunter auch Anatomie und Physiologie, bestand. Als Bester seines Jahrgangs erhielt er die "August-Bier-Plakette". Der berühmte Chirurg war auch Rektor der Deutschen Hochschule für Leibesübungen und verlieh ihr dadurch etwas wissenschaftlichen Glanz.

Der Westdeutsche Spielverband verpflichtete Herberger 1932 als Verbandstrainer. Wie sich bald herausstellte, mit großem Erfolg. Schon ein Jahr später schlägt seine Mannschaft, die nur aus Westdeutschen besteht, die belgische Nationalelf mit 8 : 1.

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Als 1936 die deutsche Mannschaft bei den Olympischen Spielen gegen die Norweger 0:2 verliert und ausscheidet, und dies auch noch "unter den Augen des Führers", wurde der Trainer Dr. Otto Nerz, dem sogar der Professorentitel verliehen worden war, prompt "gefeuert".

Jetzt kam die Stunde Josef Herbergers. Er hatte erreicht, was er wollte, er war "Reichstrainer". Die Nationalmannschaft war nun sein Orchester, das er fortan dirigierte. Im Gegensatz zu Otto Nerz, seinem Mannheimer Landsmann, der ein herrisches Regime geführt und Teamwork mit Drill und Unterordnung herbeizwingen wollte, verstand Herberger als ehemaliger Nationalspieler – Nerz hatte nur in unteren Mannschaften den Ball getreten – viel mehr von der subtilen Psychologie einer großen Mannschaft. Vor allem richtete er sich nach dem alten Kipling-Wort, wenn er es vielleicht auch nicht kannte – "eine Mannschaft von Meistern ist noch keine Meistermannschaft". Sie muß erst zu einer Mannschaft von Freunden werden.

Der neue Dirigent wußte, daß man die besten Solisten in dem elfköpfigen Fußballorchester auch etwas improvisieren lassen mußte, aber nur soviel, daß das Zusammenspiel nicht gestört wurde. Er fand genau die Grenze und damit die Harmonie zwischen individueller Entfaltung und kollektiver Taktik, an der Otto Nerz mit seinem starren Schemadenken gescheitert war. Schon zwei Jahre nach dem Debakel im Berliner Poststadion 1936 gegen Norwegen hatte der neue Mann ein Team beisammen, die berühmte "Breslau-Elf", die damals in Schlesien Dänemark, das ebenso stark wie Norwegen war, mit 8 : 1 in Grund und Boden spielte. Zwei, Kupfer und Kitzinger, die großartigen Außenläufer, traten sogar in der Kontinentalelf gegen England an. Mit seiner Breslau-Elf wollte Herberger 1938 Weltmeister werden. Das sagte er natürlich niemandem, aber die Chancen waren sehr gut.

Da machte die große Politik, die ihn 1936 in den Sattel gehoben hatte, seine Pläne zunichte. Österreich "kehrte heim ins Reich" – jetzt mußte der Reichstrainer, sozusagen über Nacht zu einem Großreichstrainer geworden, unbedingt auch die besten Wiener Spieler in die Nationalmannschaft stellen. Obwohl auch sie hervorragende Einzelspieler waren, paßten sie aber mit ihrem Stil überhaupt nicht in die Breslau-Elf, und mit der erhofften Weltmeisterschaft wurde es nichts.

Im Kriege versuchte der Reichstrainer, die Nationalmannschaft so gut es ging zusammenzuhalten. Der fußballbegeisterte Fliegerkommodore Graf half ihm dabei, in der Mannschaft der "Roten Jäger" fand mancher Unterschlupf.

Herberger wurde in Berlin ausgebombt und zog nach der Kapitulation nach Köln, wo dank’ eines englischen Sportoffiziers schon 1946/47 die Sporthochschule unter Carl Diem ihre Lehrtätigkeit wiederaufgenommen hatte. Die Räume waren vorerst noch primitiv, Herberger hauste als Lehrer in einem Keller. 1949 war es dann wieder soweit – er wurde Bundestrainer – "Bundes-Sepp" war bald sein Spitzname.

1954, im Jahr der Weltmeisterschaft, war der 1. FC Kaiserslautern, in dem Fritz Walter seine überragende Dirigentenrolle spielte, im Endspiel in Hamburg ganz überraschend mit 5 : 1 von Hannover 96 vernichtend besiegt worden. Trotzdem stellte Herberger gleich fünf "Lauterer" in sein Aufgebot für die Weltmeisterschaft. Schärfste Kritik brach los. Besonders aus dem Norden. Dort schrieb man sogar, der Süddeusche – sein Vorname Josef zeigt ja seine Konfession an – sei so katholikenfreundlich, daß er nur deshalb die "roten Teufel vom Betzenberg", die so jämmerlich versagt hätten, berücksichtigt habe. Der betreffende Sportjournalist war in der deutschen Konfessionsgeographie allerdings schlecht im Bilde. Die Pfalz und speziell Kaiserslautern sind überwiegend protestantisch.

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Die Kritik wuchs noch, als Herberger in der Schweiz, in dem nicht entscheidenden Vorspiel gegen Ungarn, absichtlich zahlreiche Ersatzleute aufstellte, um einige der Besten zu schonen. Die 8 : 3-Niederlage rief ein Wutgeheul hervor. Aber der kleine Korporal wuchs jetzt zu einsamer Größe empor, er ließ sich nicht beirren und behielt recht. Die Deutschen wurden im Endspiel gegen die Ungarn Weltmeister, obwohl diese eigentlich die bessere Mannschaft waren. Der Bundessepp hatte mit seinen Männern und mit seinen eisernen Nerven gesiegt.

Jetzt, nach dem unerwarteten Triumph, war er auf einmal ein Wundertäter und wurde mit Lobeshymnen überhäuft. In den Rausch des Sieges mischten sich erstmals auch nationale Töne, und Herbergers Popularität stieg in ungeahnte Höhen.

Sie ließ ihn auch die schwere Krise überleben, die entstand, als die Nationalmannschaft nach den Weltmeisterschaften am laufenden Band verlor. Aber die Helden von Bern waren nicht müde geworden, sondern durch nicht ausreichend sterilisierte Spritzen war ihnen die infektiöse Gelbsucht appliziert worden, die sie außer Gefecht gesetzt hatte.

In Schweden 1958 schien der Wundertrainer mit seinen "Männern" noch einmal nach der höchsten Krone zu greifen, aber dann reichte es doch "nur" zum vierten Platz. Vier Jahre später in Santiago de Chile kam seine Elf nur unter die letzten acht, aber die leichte Enttäuschung schadete seinem legendären Ruf so gut wie nicht. Daß Wunder sich nicht so schnell zu wiederholen pflegen, weiß auch das Fußballpublikum.

Schließlich, nach fast drei Jahrzehnten, gab Herberger 1963 seine über alles geliebte Nationalmannschaft in die Hände von Helmut Schön, damit diesem noch genügend Zeit zur Vorbereitung für die Weltmeisterschaft in England blieb. Aber selbst der große Erfolg, das Vordringen bis ins Finale, der wiederum auch ganz überragenden Spielern wie Haller und Beckenbauer zu danken war, so wie in Bern Rahn, Liebrich und Fritz Walter, selbst dieser halbe Sieg in Wembley wurde noch ebenso auf das Konto Herbergers gesetzt, wie er Helmut Schön zugeschrieben wurde.

Meisterstück: Psychologie

Fragt man, wo nun die einmalige Leistung dieses kleinen Mannes mit dem etwas verschmitzten Gesicht, das sich in tausend Fältchen legt, und den strahlend blauen Augen, eigentlich liege, so wird man auf das Feld der Psychologie, der Menschenführung, der "seelischen Betreuung" verwiesen.

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Eine taktische oder technische Revolution, wie Karl Adam bei den Ruderern, hat Herberger nicht hervorgerufen. Seine totale Manndeckung und das Hineingrätschen der Abwehrspieler wurde von den Südamerikanern nur verächtlich als Sicheltaktik bezeichnet. Selbstverständlich beherrschte Sepp Herberger das taktische Alphabet, und kein Winkelzug war ihm fremd. Aber sein Meisterstück war die psychologische Behandlung der Spieler, ihr Zusammenführen zur echten Mannschaft, zum großen Orchester.

Vor einem wichtigen Spiel war vorher, oft im Gespräch unter vier Augen, mit den einzelnen Spielern schon alles besprochen. Als ich einmal bei einem Länderspiel in der Kabine war, glaubte ich, in ein Trappisten-Kloster geraten zu, sein, eine solch unheimliche, aber doch zuversichtliche Stille herrschte da.

Versucht man, an seinem 70. Geburtstag die Summe seines Lebens zu ziehen, so findet sich weder Magie noch Hexerei, dafür aber Besessenheit, Beharrlichkeit und viel Arbeit. Und das alles für ein Spiel.

Etwas pathetisch könnte man sagen, der kleine Mannheimer sei vielleicht ein Wegbereiter der Welt von morgen, die nicht mehr allein vom arbeitenden, sondern auch vom spielenden Menschen geprägt werden wird.