Von Werner Höfer

Ob man den Mantelkragen hochschlagen soll? Ob Geheimdienstler hinter den Gardinen lauern? Sei’s drum!

In einer bürgerlich-biederen Straße einer Vorstadt Düsseldorfs wohnt Karl Schabrod, letzter Fraktionsvorsitzender der KPD (als sie noch im Landtag von Nordrhein-Westfalen Sitz und Stimme hatte). Der 66jährige Altkommunist sitzt mit seinem Nachwuchsgenossen Manfred Kapluck in der guten Stube, in der gemütlichen Ecke, um sich den Fragen des journalistischen Eindringlings zu stellen. Die Absicht, mit Kommunisten zu reden, ist motiviert durch den Umstand, daß die Kommunisten wieder von sich reden machen.

„Sie haben, Herr Schabrod, einen Initiativausschuß für die Wiederzulassung der KP in der Bundesrepublik ins Leben gerufen?“

„Ja, mit vier Freunden, an diesem Tisch.“

„Das war in Düsseldorf. In Frankfurt haben Sie diese Gründung publik gemacht. Warum die Ortsverlagerung?“

Karl Schabrod meint, man habe dem Genossen Richard Scheringer, der aus der Gegend von Ingolstadt anreisen mußte, auf halbem Wege entgegenkommen wollen. Manfred Kapluck, um eine Generation jünger als der Hausherr, räumt ein, daß auch die liberalere Luft Frankfurts eine gewisse Anziehungskraft ausgeübt habe.

„Nun scheint aber, kaum daß Sie sich gerührt haben, eine abweichlerische Gegenbewegung – mit ‚Roten Garden‘ – in Gang zu kommen. Wiederum in Frankfurt will sich eine Freie Sozialistische Partei, die sich nach Peking orientiert, vorstellen. Sehen Sie darin eine Beeinträchtigung Ihrer Ambitionen?“

Karl Schabrod meint, echte Kommunisten, wenn sie sich wieder zusammentun dürfen, wüßten, daß ihr Platz nur bei der echten Partei ist. Manfred Kapluck fügt hinzu, der Hauptaktivist jener Mitbewerber um den sozialistischen „Leertitel“ sei ein Mann, der aus der KP ausgeschlossen wurde.

„Sie möchten erreichen, daß das Verbot der KPD in der Bundesrepublik aufgehoben wird. Sind Sie sich der rechtlichen, politischen und persönlichen Schwierigkeiten bewußt?“

„Wir sind Parlamentäre, und auf Parlamentäre schießt man nicht...“

Wohl präpariert geht der Jüngere auf die rechtlichen, der Ältere auf die politischen Aspekte ein. Mit der Hilfe von gesetzeskundigen Gutachtern haben die Initiativ-Kommunisten herausgefunden, daß ohne Grundgesetzänderung und ohne Preisgabe rechtstaatlicher Prinzipien das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe nach einem Mehrheitsbeschluß des Bundestages ermächtigt werden könnte, eine Überprüfung des KPD-Urteils vorzunehmen.

„Warum fällt Ihre Lagebeurteilung so günstig aus? Wegen der politischen und ökonomischen Zustände in der Bundesrepublik? Wegen der Großen Koalition in Bonn? Wegen des bescheidenen Stimmengewinns der SED in Westberlin? Wegen der Entdämonisierung der Kommunisten in Frankreich? Wegen der weltweiten Entspannungseuphorie?“

Die Befragten winken ab. So detailliert möchten sie die Lage gar nicht analysieren. Aber dann meinen sie doch, in der politischen Landschaft der Bundesrepublik sei das Vakuum zu füllen, das einmal durch das Verbot der KPD und zum anderen durch die Verbürgerlichung der SPD entstanden sei. Ihr „Marketing“ hat ihnen den Eindruck vermittelt, daß sich neben den Altgenossen auch andere Schichten mit Linksdrall, enttäuscht oder empört über das Arrangement der Sozialdemokraten mit der CDU, zu einer dezidiert sozialistischen Partei hingezogen fühlen könnten. Mit Vertretern der evangelischen Kirche seien „freundschaftliche Gespräche“ geführt worden. Außerdem würde in zunehmendem Maße von einem sich ständig vergrößernden Kreis von Politikern die Weisheit des KP-Verbots bezweifelt: „Denken Sie nur an Meyers!“

Karl Schabrod nennt den Namen des letzten Düsseldorfer Ministerpräsidenten mit der Sympathie, die er einem Manne schuldig ist, mit dem er immerhin ein paar Jahre lang in einem Landesparlament zusammengearbeitet hat und mit dem zusammen er vor ein paar Monaten – geladen und geduldet – den 20. Geburtstag eben dieses Parlaments, des Landtags von Nordrhein-Westfalen, gefeiert hat.

„Es mag sein, daß inzwischen manche Leute in der Bundesrepublik – aus pragmatischen, moralischen, egozentrischen oder schlechthin demokratischen – aus welchen Erwägungen auch immer, das Karlsruher KP-Urteil gern revidiert sähen. Aber damit sind diese ,Revisionisten‘ noch längst keine verläßlichen Wähler einer kommunistischen Partei?“

„Wir haben auch nicht die Illusion, als Massenpartei die Parlamente in der Bundesrepublik majorisieren zu können. Wir möchten, daß man uns arbeiten und hervortreten läßt. Wir möchten uns stellen.“

Der junge, scharf denkende, dialektisch sicher argumentierende Manfred Kapluck, mit Presseausweisen zweier nichtdeutscher KP-Blätter versehen, Sohn eines Essener Kommunisten, der im Spanien-Krieg gewiß nicht bei der Legion Condor war, vibriert vor Vergnügen, wenn er an die Chance denkt, seine intellektuellen Kräfte mit Partnern, mit Gegnern messen zu können.

„Da müssen Sie sich auf einen stattlichen Katalog kritischer Fragen gefaßt machen, etwa auf die Frage nach Ihrem demokratisch-parlamentarischen Wohlverhalten.“

Da hört man denn, als Zitat aus dem „Frankfurter Manifest“, verbreitet vom „Initiativausschuß für die Wiederzulassung der KPD“, den lapidaren Satz:

„Auf Parteikonferenzen und Führungstagungen erklärten die Kommunisten wiederholt, daß sie auf dem Boden des Grundgesetzes stehen und ihre Tätigkeit daraus ableiten.“

„Wie halten Sie’s aber mit der Ostpolitik der Bundesregierung? Was hätten Sie als kommunistischer Bundestagsabgeordneter zur Aufnahme der diplomatischen Beziehungen mit Rumänien gesagt?“

„Ich hätte diesen Entschluß nicht verworfen, aber seine Verspätung und seine Vereinzelung bedauert. Die Bundesrepublik müßte eine Normalisierung ihrer Beziehungen zu allen sozialistischen Staaten längst vollzogen haben.“

„Auch zu dem anderen Teil Deutschlands, den Sie ‚Deutsche Demokratische Republik‘ nennen?“

„Auch zur Deutschen Demokratischen Republik, die Sie den ‚anderen Teil Deutschlands‘ nennen!“

„Wenn Sie sich überhaupt ein wiedervereinigtes Deutschland wünschen oder vorstellen: Innerhalb welcher Grenzen und in welcher gesellschaftlichen Verfassung soll es sich darbieten?“

„Innerhalb der gegenwärtigen Grenzen und möglichst als sozialistischer Staat, der sich auf legale Weise zu etablieren hätte.“

„Können Sie Ihren Freunden oder Feinden in der Bundesrepublik die Garantie geben, daß über eine Wiederzulassung der KP die Wiedervereinigung leichter und schneller zu erreichen ist?“

Auf diese Frage kommt eine rasche und heftige Reaktion: Die Wiedervereinigung sei nicht durch eine KP-Zulassung als Tauschobjekt zu erreichen. Wiedervereinigung sei nur durch Entspannung möglich. Ohne die Zulassung der Kommunistischen Partei werde die Entspannung erschwert. Da das Grundgesetz von der Bundesrepublik – und nun folgt eine dialektische Volte von höchster zirzensischer Artistik! – die Bemühung um Wiedervereinigung fordere, müsse der KP Bewegungsfreiheit eingeräumt werden, im Sinne der Verfassung und der Wiedervereinigung.

„Würde eine Kommunistische Partei, wenn sie in der Bundesrepublik aktiv werden könnte, nicht auf Koalitionen angewiesen sein? Welche Koalition würden Sie anstreben?“

Mit einem gewissen Volksfront-Lächeln, aus dem man Wehmut oder Sehnsucht ablesen kann, meint Karl Schabrod:

„Natürlich mit der SPD!“

„Was sagt Walter Ulbricht, was meint Max Reimann zu Ihren Absichten?“

„Mit Max Reimann sind wir befreundet. Er ist über unsere Pläne orientiert. Er wird sich gewiß über unsere Aktivität freuen. Walter Ulbricht war vermutlich ebenso überrascht über unsere Initiative wie die meisten Leute in der Bundesrepublik.“

Als Karl Schabrod und Manfred Kapluck sich auf dieses Gespräch einließen, wußte der Ältere, daß er nur „auf Bewährung“ in Freiheit ist, und der Jüngere, daß er am Tag nach Ostern in Hamm wieder vor Gericht stehen würde. Aber er lebt unbehelligt, wenn auch vermutlich nicht unbeschattet, mit Frau und Kindern in Essen. Der älteste Junge, in der DDR geboren und „eingeschult“, besucht jetzt eine Schule in der Ruhrmetropole. Der Vater berichtet:

„Als ich meinen Jungen anmeldete, habe ich dem Rektor und der Lehrerin, einem Vertriebenen aus Ostpreußen und einer Republikflüchtigen aus der DDR, klar gesagt, daß ich Kommunist bin, wie es mein Vater gewesen ist, und daß ich meinen Sohn – natürlich außerhalb der Schule – im Sinne des sozialistischen Humanismus zu erziehen gedächte. Aus der Tatsache, daß – von einem gewissen Schock abgesehen – weder das Lehrpersonal noch die Mitschüler meinem Jungen Schwierigkeiten machen, möchte ich gern folgern, daß die Toleranzschwelle in der Bundesrepublik sich zu heben beginnt. Jedenfalls habe ich der Schule, da sie nach der großen humanistischen Künstlerin Käthe Kollwitz benannt ist, ein paar Blätter überlassen, die von ihr stammen und die ich von drüben mitgebracht habe.“

„Und Sie, Herr Schabrod, haben etwa zwei Jahrzehnte im Gefängnis verbracht. Nun leben Sie in Freiheit...“

„...auf Bewährung!“

„Was tun Sie, wenn Sie nicht über Vergangenheit oder Zukunft Ihrer Partei nachdenken?“

„Am Werktag betätige ich mich als Historiker, bei der Niederschrift einer Geschichte des Widerstandes seit 1933. An Sonn- und Feiertagen unternehme ich Wanderungen, und am nächsten Sonntag beteilige ich mich mit meinem Sohn an der Markierung eines neuen Wanderweges.“

„Und es wird nicht Hammer und Sichel sein, was Sie an die Bäume malen?“

„Nein, durchaus nicht!“

„Was möchten Sie auf Ihre alten Tage noch erleben?“

Vor der Antwort braucht er nicht lang nachzudenken:

„22 Prozent der Stimmen für die KPD ...“