Von Marcel Reich-Ranicki

Um nichts, scheint es, hat sich der Dichter Franz Fühmann geduldiger und aufrichtiger bemüht als um das Vertrauen der SED. Dennoch mißtraut man ihm heute in Ostberlin – und nicht ohne Grund.

Nichts lag ihm ferner, als die Leier des Aufruhrs zu schlagen. Zur Gefolgschaft, nicht zum Widerstand fühlte er sich immer schon gedrängt. Und doch gehört mittlerweile auch er zu den enttäuschten und verbitterten Künstlern in der DDR, wenn nicht gar zu jener leisen, leidenden literarischen Opposition, die zunächst und vor allem gegen die Kulturpolitik der Partei gerichtet ist und von Peter Huchel über Stefan Heym und Stephan Hermlin bis zu Wolf Biermann reicht.

Kein Zweifel, daß Fühmann mehr mit ihnen gemein hat als mit manchem cleveren Schriftsteller und gewieften Pragmatiker im literarischen Leben jenseits der Elbe, mit jenen übrigens in der Regel jüngeren und nicht immer talentlosen Autoren, die vieles tun, um auf beiden Stühlen zugleich sitzen zu können.

Fühmann hingegen ist weder flink noch wendig, sondern eher bedächtig und beharrlich. Und wie Peinliches er sich auch zuschulden kommen ließ und was immer ihm vorgeworfen werden muß – er mag vielleicht kein angenehmer Zeitgenosse sein, aber er ist ein ernster Schriftsteller, der es sich nie leicht gemacht hat, und gewiß einer der wenigen in der DDR wirkenden Erzähler dieser Generation – er wurde 1922 geboren –, dem man nachrühmen kann, daß noch seine unerfreulichsten und schwächsten Arbeiten lesbar sind. Der jetzt erschienene Band –

Franz Fühmann: "König Ödipus" – Gesammelte Erzählungen; Aufbau-Verlag, Berlin (Ost)/Weimar; 404 Seiten, 9,80 DM

beweist dies erneut. Er enthält zehn Erzählungen, von denen die früheste ("Kameraden") aus dem Jahre 1955 stammt, während zwei Prosastücke – die über achtzig Seiten umfassende Titelgeschichte und die Novelle "Schöpfung" – hier, sofern ich richtig informiert bin, erstmalig gedruckt vorliegen.