Als Abiturient verlangte der designierte Nachfolger Heinrich Nordhoffs und zukünftige Generaldirektor von Deutschlands größtem Automobilwerk von der Zukunft nicht mehr, als sich „dem Polizeidienst widmen“ zu dürfen. Als früh heimgekehrter Major war er 1946 bereit, jede nur halbwegs vernünftige Arbeit zu verrichten. Als 45jähriger Generaldirektor der BBC in Mannheim sinnierte er über den Mut seines Aufsichtsrates, die Geschicke des Konzerns dem Benjamin im Vorstand anzuvertrauen. Von den steilen Höhenwegen in seinem Lebenslauf weiß Kurt Lotz nur zu berichten, er habe sie aus Zufall gefunden.

Der ehemalige Generalstabsoffizier Lotz, Jahrgang 1912, hat die Hürden, die vom Aufsichtsrat vor die Vorstandssessel gesetzt sind, stets nach strategischen Prinzipien genommen. Sein politisches Fingerspitzengefühl ist teils angeboren, teils wurde es im Umgang mit Schweizer Aktionären verfeinert.

Auf dem ersten Höhepunkt seiner Karriere, als Chef des Mannheimer Elektrokonzerns Brown, Boveri & Cie. AG, hielt er wenig von der unter deutschen Managern üblichen politischen Abstinenz. Die Fäden zur Politik waren stärker gezwirnt als die normalen Beziehungen eines Verkäufers elektrotechnischer Großanlagen zu öffentlichen Auftraggebern. Seine Kandidatur für den Vorstandsvorsitz des Volkswagenwerkes, in dessen Aufsichtsrat die Vertreter des Bundes und des Landes Niedersachsen den Ton angeben, wäre ohne die Unterstützung der Großen Koalition für einen Anhänger der Großen Koalition ein eitler Wahn geblieben. Durch Zufall allein ist Lotz nicht ans Tor seines dritten Berufslebens gelangt.

Zufällig, wenn auch nicht unverhofft, hatte sich ihm die Chance des militärischen Führungsnachwuchses geöffnet. Zufällig saß seine Schwester als Sekretärin des damaligen BBC-Chefs Hans Leonhard Hammerbacher in Mannheim, als militärische Führungskunst nicht mehr gefragt war. Lotz begann bei BBC als Lohnzettelkontrolleur im Zweigwerk Dortmund, auf der untersten Stufe des industriellen Rechnungswesens. Wenn man indessen die Hilfsmittel betrachtet, die den abgemusterten Soldaten in den Managerhimmel katapultierten, ist zwar sein Start zum Generaldirektor noch immer bewundernswert, verliert aber den trügerischen Glanz des Märchenhaften. Unter den Regeln der „Leitsätze für die Preisermittlung“ der NS-Zwangswirtschaft genügten grobkörnige Kalkulationen. Wer es verstand, den Kostenmechanismus in den Griff zu bekommen, der konnte sich in der Nachkriegszeit rasch zum Chef des Stabes in einem Unternehmen emporarbeiten. Lotz brauchte fünf Jahre, um in diese Schlüsselstellung – bei BBC Betriebswirtschaftliche Zentralabteilung genannt – einzurücken. Sieben Jahre später erhielt er das Kommando.

Er erhielt es aus der Hand der vorsichtigen Schweizer, die in der Muttergesellschaft AG Brown, Boveri & Cie. zu Baden im Kanton Aargau das Reglement führen.

Der Nichtakademiker Lotz war lange Zeit der unbestrittene Favorit der titelbeladenen Schweizer Honoratioren. Er schaffte 1961, was keiner seiner Mannheimer Vorgänger erreicht hatte: Er wurde Mitglied des Verwaltungsrates der Muttergesellschaft. Diesem Gremium, dessen Mitgliederliste sich wie ein Gotha des schweizerischen Wirtschafts- und Finanzadels liest, hatte seit 1916 kein Deutscher mehr angehört.

Zwei Jahre später wurde Lotz endgültig zum Pendler zwischen Mannheim und der Schweiz, nachdem er auch in Baden in die Geschäftsleitung berufen worden war. Titel nach Schweizer Aktienrecht: Delegierter des Verwaltungsrates. Sein Ressort zeigt deutlich, was an ihm geschätzt wurde. Lotz war zuständig für Produktionsprogramm, Rationalisierung, Nachwuchsausbildung und Aufbau neuer Werke.