Von Werner Keller

WERNER KELLERwurde am 13. August 1909 in Gut Nutha (Anhalt) geboren. Er lebt heute in Ascona (Tessin). Nach dem Abitur studierte er zunächst Maschinenbau und Medizin, dann Jurisprudenz in Berlin, Rostock, Zürich und Jena. 1933 promovierte er zum Dr. jur. Nach dem Kriege war er zunächst als Journalist und wissenschaftlicher Publizist in Hamburg tätig, ständiger Mitarbeiter von Funk (NWDR), Fernsehen, Tageszeitungen (Welt), Wochenzeitungen (Zeit) und Illustrierten (Stern, Neue Illustrierte). Am bekanntesten wurde sein Buch „Und die Bibel hat doch recht“ (Düsseldorf, 1955), das in Deutschland eine Auflage von über 1 Million erreicht hat und zwanzigmal übersetzt worden ist. Zwei weitere bekannte Bücher: „Ost minus West = Null“ (München, 1960); „Und die Bibel hat doch recht – in Bildern“ (Düsseldorf, 1963). Diese Bücher erreichten in Amerika alle drei das Traumziel jedes Autors: Sie wurden vom „Book of the Month Club“ erwählt. Im letzten Jahre erschien: „Und wurden zerstreut unter alle Völker – Die nachbiblische Geschichte des jüdischen Volkes“ (München, 1966).

Kuriosum: Es steht – sieht man von einer einzigen, vor wenigen Wochen erst publizierten Neuerscheinung ab – in keinem deutschsprachigen Lexikon, kein Nachschlagewerk nennt es noch eine der berühmten Enzyklopädien. Vergeblich sucht man ein Stichwort auch in der Encyclopaedia Britannica wie im Larousse. Man könnte Morgenstern zitieren: „Du find’st es nicht im Brockhaus und auch im Meyer nicht...“

Und auch über seine präzise, allgemeingültige Definition scheinen sich selbst die Experten, die Literaturwissenschaftler, bis heute noch nicht klar zu sein. Am liebsten und häufigsten umschreibt man es in der Praxis negativ – „Alles, was nicht Fachliteratur und nicht Belletristik ist...“ – oder zählt zum Sachbuch, was sich populärwissenschaftlich gibt.

Indes reicht das offenbar keineswegs aus, um in jedem Fall eine endgültige Entscheidung treffen zu können. Wie anders sonst wäre es möglich, daß Mitchners „The Source in den USA als „non-fiction“, seine Übersetzung ins Deutsche, „Die Quelle“, hingegen als „fiction“ läuft, daß Zuckmayers Erinnerungen „Als wär’s ein Stück von mir“ in Deutschland als Sachbuch, in der Schweiz wiederum als zur Belletristik gehörig angesprochen werden.

Dabei hat es schon eh und je so etwas wie „Sachbücher“ gegeben, bereits in ältester Zeit. Schon vor mehr als vier Jahrtausenden – im „Fruchtbaren Halbmond“ beispielsweise, in Vorderasien wie auch im Nilland. Wie steht es mit Sinuhe? Er, ein Vornehmer am Hofe Sesostris’ I., der – verwickelt in eine politische Intrige – aus dem Lande der Pharaonen fliehen mußte, schrieb all seine Erlebnisse in der Emigration, die Sitten und Gebräuche, das daily life Kanaans jener Tage gewissenhaft auf. Sein Bericht galt in Ägypten über viele Jahrhunderte – vom Mittleren bis ins Neue Reich – als ein vielbegehrtes Werk, es erlebte sogar mehrere Auflagen. Sinuhe wurde damit einer der ersten Nonfiction-Schriftsteller der Welt.

Darf man nicht auch „Merodach-Baladan, König zu Babel“ dazuzählen, jene über so lange Zeit geheimnisvolle Gestalt, von dem man bis vor wenigen Jahrzehnten nur wußte, er habe – wie es im 2. Buch der Könige 20, 12 heißt – „König Hiskia“ von Juda eines Tages „Briefe und Geschenke gesandt“? Haben doch inzwischen Funde zutage gebracht, daß dieser babylonische König in seinen Mußestunden eine recht gediegene und allgemeinverständliche, also „populärwissenschaftliche“ Beschreibung über Anbau und Pflege aller wichtigen Obst-, Gemüse- und Gewürzpflanzen Mesopotamiens verfaßte.

Wäre es falsch, etwa auch Tacitus mit seiner „Germania“ als Sachbuchautor anzusprechen oder Hesiod, wenn man an dessen „Bauernkalender“ denkt?

Es hat, wie wir sehen, diese „Gattung“ gelehrter Schreiber mit sachbezogenen, nicht poetisch-dichterischen Interessen und Themen also seit Menschengedenken gegeben. Nur eines: Sie alle – wie viele andere aus der Vergangenheit man noch anführen könnte! – blieben Außenseiter, Ausnahmen. Die Zeit war noch nicht reif. Und es mußten lange Jahrhunderte verstreichen, es mußte erst das Mittelalter zu Ende gehen, bis endlich nach anderthalb Jahrtausenden der geistigen Unfreiheit, der Unterwerfung des Denkens unter die Herrschaft des Glaubens zum ersten Male wieder der Mensch – sein Verstand befreit und zu autonomer Selbstverantwortlichkeit aufgerufen – auf eigene Füße gestellt war. Erst nach der Emanzipation des Bürgertums im 18. Jahrhundert erscheinen plötzlich zum ersten Male ganze Reihen von Büchern „populärwissenschaftlichen“ Inhalts, die sich sehr schnell in breiten Kreisen einer großen Beliebtheit erfreuen.

Doch die große Stunde für das Sachbuch begann erst in diesem Jahrhundert zu schlagen. Was früher als mehr oder weniger seltene Ausnahme galt, füllt in immer zunehmendem Maße die Regale der Buchhandlungen und Bibliotheken. Heute prangt neben der Belletristik in den Bücherkatalogen wie auf den Bestseller-Listen aller Länder stolz und selbstverständlich das Sach-, das Non-fiction-Buch! Nie zuvor wurden so viele Sachbücher geschrieben, gedruckt, verkauft und verschlungen wie heute. Ist man erst jetzt – so spät – auf den Geschmack gekommen? Was gab den Anstoß, was sonst mag der Grund dazu sein?

Von der Antike bis ins späte Mittelalter hatte sich das allgemein gebräuchliche Rüstzeug an Grundbegriffen, an Grundwissen kaum verändert. Der geistige Besitz des einzelnen konnte ein Jahrtausend lang, ja länger seinen Wert behalten. Und noch zur Zeit unserer Großväter vermochte eine gediegene Schulbildung bis ans Lebensende zu genügen.

Von der Jahrhundertwende an indes begann sich die Situation radikal zu ändern, von dem Augenblick an, da eine sich überstürzende Entwicklung, da der kühne Vorstoß in neue Welten der Erkenntnisse, in bis dahin völlig unbekannte Dimensionen der lebenden und toten Materie ihren Anfang nahmen. Eine nie zuvor erlebte „Explosion des Wissens“ brach sich Bahn, deren Zeugen wir alle noch heute sind und – was viel entscheidender, viel einschneidender ist – von der jedermann betroffen wird.

Gehört es nicht längst zu unserer gewohnten, fast täglichen Erfahrung, in Zeitung, Funk oder Fernsehen von neuen und wiederum neueren „Ergebnissen wissenschaftlicher Forschung“, von erregenden Experimenten oder gelungenen Versuchen in allen Disziplinen zu hören – sei es auf dem Gebiet der Raumforschung, des riesigen Komplexes der Naturwissenschaften oder der sich mehr und mehr auffächernden Medizin?

Auch die Geisteswissenschaften und unter ihnen vor allem die Archäologie sind davon erfaßt. Wie mit einem gewaltigen Scheinwerfer gelang es, den riesigen, hinter uns liegenden Zeitraum Vergangenheit auszuleuchten. Es führte zu einer zahlenmäßigen Verhundertfachung der geschichtlichen Tiefe unseres Weltbildes, zu einer noch vor wenigen Generationen selbst in kühnsten Träumen nicht erhofften Erweiterung des geschichtlichen Horizontes über das, „was einst unter Menschen und auf Erden war“.

War nicht bis um 1800 die Spannweite des geschichtlichen Bewußtseins auf nur drei Jahrtausende beschränkt? Galten doch Genesis und die Bücher Homers noch als die ältesten Urkunden des Menschengeschlechtes überhaupt. Erst im vergangenen Jahrhundert gelang ein erster gewaltiger Sprung zurück: Mit der Entzifferung von Hieroglyphen und Keilschrift, Hand in Hand mit den erregenden Ausgrabungsfunden im Vorderen Orient, erschlossen sich der geschichtlichen Forschung – und damit unserem Geschichtsbewußtsein – die fünf bis sechs Jahrtausende, die seit dem Bestehen schriftlicher Überlieferungen verstrichen waren.

Aber selbst das bildete nur den großen Auftakt: Denn erst der Beginn unseres Jahrhunderts brachte erstmals jene große Zusammenschau von Erdgeschichte, Deszendenztheorie, Anthropologie, Völkergeschichte, Vorgeschichte und Geschichte, die das Spatium historicum, die unseren geschichtlichen Horizont räumlich über die gesamte Oberfläche der Erde und zeitlich bis zur Heranbildung der Gattung Homo sapiens erweitern half.

Indes, so faszinierend die Dramatik dieser ungeheuren, so rapid vor sich gehenden Ausweitung menschlichen Wissens auch sein mag, sosehr man die Generationen beglückwünschen möchte, denen solches zuteil wird, so beklemmend zugleich wirkt sich die Schattenseite dieser explosiven Entwicklung aus. Führte sie doch mehr und mehr zu einer geradezu makabren, besorgniserregenden Situation. Denn was in der Tat sind die Folgen all dieser ungeheuren Fortschritte?

Jede Entdeckung, jedes neue Forschungsergebnis läßt. veralten, was gestern noch als unumstößlich feststehend galt. Pausenlos fast wird das wieder annulliert, was bis dahin erlernt und gewußt war, was als gesichert galt. Je schneller die neuen Erkenntnisse fallen, je mehr der Schatz des Wissens anschwillt und sich auftürmt, zu um so größerem „Analphabetentum“ sinkt die Masse der Menschen herab.

Gibt es noch jemanden, der davon nicht betroffen wäre? Auch Absolventen höherer Schulen und Universitäten machen keine Ausnahme, ja nicht einmal die Wissenschaftler, die Experten selbst, sofern es nicht den engen Bereich ihres eigenen Spezialgebietes betrifft. Was vor einem oder anderthalb Jahrzehnten an Wissen und Kenntnissen erworben wurde, ist in vielen Fällen in diesen Tagen bereits wieder ganz oder teilweise in Frage gestellt. Schritt für Schritt fallen damit zugleich aber, als über lange Zeiten bewährte und zuverlässige Quellen der Information und Wissensvermittlung, auch ganze Bibliotheken – private wie öffentliche – aus. Wie viele Fachwerke, Lexika, Nachschlagewerke, Enzyklopädien – soweit nicht allerneuesten Datums – sind plötzlich inhaltlich überholt, veraltet und somit unbrauchbar geworden, nicht anders als Schul- und Lehrbücher!

Die „Explosion des Wissens“ hebt alles auf, wirft alles über den Haufen und läßt zur Makulatur werden, was zuvor – zuweilen gestern noch – als profundes Wissen und letzte Erkenntnis galt.

Nie zuvor in der Menschheitsgeschichte war die Diskrepanz zwischen tatsächlich vorhandenem Wissen auf der einen und der Unkenntnis davon in der großen Öffentlichkeit auf der anderen Seite so groß, wie es heute der Fall ist. Eine riesige Lücke klafft zwischen beiden bereits heute, eine Kluft, die sich – und das ist das Erschreckende – zudem noch mehr und mehr zu verbreitern und zu vertiefen droht. Deutet doch nichts darauf hin, daß dieses überstürzende Tempo sich in absehbarer Zeit verlangsamen oder gar zum Stillstand kommen könnte.

Damit stehen wir vor dem großen Dilemma: Wie mit dieser Sturzflut an Neuem fertig werden, wie es anfangen, die Fülle neuer Erkenntnisse einer möglichst großen Anzahl von Menschen zugänglich zu machen?

Dieses Problem zu lösen, steht als eine der ganz großen, unser aller Zukunft mit entscheidenden Aufgaben gebieterisch vor uns. Eine neue Zeit der Aufklärung ist angebrochen. In ihr mitzuhelfen, ist auch das Sachbuch berufen – als Dolmetscher und Wissensvermittler. Sachbücher sind aus unserer Zeit nicht mehr wegzudenken – weil sie notwendig sind!