Mißtrauen und bittere Erfahrungen stehen einer Regelung des Minderheitenproblems im Wege

Von Sandra Sassone

Der Südtirol-Konflikt zählt gewiß nicht zu den weltbewegenden Problemen unserer Zeit. Im Vergleich zu vielen anderen internationalen Streitfragen und Entwicklungen fällt er kaum ins Gewicht. Im Zeitalter der Atomwaffen und des Aufbruchs der asiatischen Völker hat die Welt ganz andere Sorgen. Niemand wird das bestreiten. Aber so wahr das auch sein mag, so wenig ist doch die Tatsache zu leugnen, daß dieser relativ kleine Fall Südtirol jetzt schon seit fast fünfzig Jahren immer wieder Millionen von Menschen in Europa zu fesseln vermocht hat.

Andere, ähnlich gelagerte Fälle sind längst geregelt oder vergessen. Mehr als einmal ist in den vergangenen fünf Jahrzehnten die Landkarte Europas von Grund auf verändert worden. Ganze Völkerschaften mußten aus ihrer Heimat fliehen, wurden vertrieben oder ermordet. In dieser Katastrophenepoche war den 250 000 deutschstämmigen Südtirolern ein vergleichsweise beinahe gütiges Schicksal beschieden.

Wie ist es dann zu erklären, daß die Südtirol-Frage dennoch so aktuell ist? Einmal damit, daß Südtirol bei Deutschen, Österreichern, Italienern und sogar bei manchen Engländern und Amerikanern eher das Gefühl als die Ratio anzusprechen scheint. Zum anderen: Dieses Problem der völkischen Minderheit zwischen Brenner und Salurn ist nach dem letzten Krieg im freigebliebenen Teil Europas zu einer Art Prüfstein geworden für die Kraft des „neuen europäischen Geistes“, der unserem Kontinent die Einheit bringen und die Zukunft sichern soll.

Europäische Vergangenheit und europäische Zukunft, wie sie von den besten Europäern konzipiert worden ist, stoßen in Südtirol frontal aufeinander. Die Entscheidung darüber, welche dieser beiden Kräfte sich durchsetzen kann, steht heute offenbar nahe bevor. Das gibt dem Südtirol-Konflikt seine brennende Aktualität.

Radikale Italienisierung