Vor dem NATO-Hauptquartier in Rocquencourt bei Paris wurden am vorigen Donnerstag die Fahnen der 15 Mitgliederstaaten eingeholt. Als die Flaggen am nächsten Tag in Casteau im benachbarten Belgien gehißt wurden, war Frankreichs Trikolore nicht mehr dabei.

Dieser Vorgang illustrierte die Entschlüsse General de Gaulles: Am 21. Februar 1966 hatte er seinen Verbündeten verkündet, er werde sich im Interesse der Handlungsfreiheit Frankreichs dem militärischen Integrationsnetz der NATO gänzlich entziehen, auch wenn er ihr politisch weiterhin verbunden bleiben wolle. Um im Ernstfall nicht doch wider Willen Opfer einer Bündnisautomatik zu werden, wies er der NATO Ende März 1966 auch noch die Tür: Bis zum 1. April dieses Jahres sollten sämtliche militärische Einrichtungen der westlichen Verteidigungsgemeinschaft von französichem Boden verschwunden sein.

Damit wurde eine der kostspieligsten Umzugsaktionen in der Militärgeschichte fällig: Den Wert aller Investitionen in Frankreich, die aus NATO-Mitteln finanziert wurden, schätzen Experten auf mehr als vier Milliarden Mark. Die Frage der Entschädigung ist noch offen.

Betroffen wurden von de Gaulles Entscheidung

  • das Hauptquartier der alliierten Gesamtstreitkräfte für Europa (SHAPE), bisher in Rocquencourt, künftig in Causteau bei Brüssel,
  • das Hauptquartier der amerikanischen Gesamtstreitkräfte in Europa (Eucom), bisher in Saint-Germain-en-Laye nahe Paris, künftig in Stuttgart,
  • das Hauptquartier der alliierten Gesamtstreitkräfte für Europa Mitte (Afcent), bisher in Fontainebleau bei Paris, künftig in Brunssum bei Maastricht/Holland,
  • das NATO-Defense-College, bisher in Paris, künftig in Rom,
  • 35 000 alliierte Soldaten, die jetzt nach Deutschland, Belgien und England verlegt werden,
  • 46 Flugplätze,
  • 9 Häfen,
  • 3 unterirdische Befellszentralen für den Kriegsfall und
  • zahllose Fernmeldeanlagen, Versorgungsdepots, Einrichtungen und Nebenorganisationen, die zur militärischen Infrastruktur der NATO in Frankreich gehörten.

Der NATO-Rat, das politische Führungsorgan der Allianz, in dem Frankreich auch weiterhin vertreten sein wird, zog nach Brüssel um.

Trotz der militärische! Entflechtung zwischen Frankreich und der NATO werden die Verbündeten auch in Zukunft noch kooperieren: